• vom 16.12.2017, 18:00 Uhr

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Exilliteratur

Eskalation im Pazifik




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Von Tomas Sommadossi und Wilfried Seywald

  • Der Österreicher Mark Siegelberg schrieb 1942 sein politisches Drama "Das zweite Gesicht", das eindrucksvoll den Krieg in Fernost thematisiert.



Mark Siegelberg und seine Frau Amalie Sophie, aufgenommen in Wien, bevor sie ins Exil gehen mussten.

Mark Siegelberg und seine Frau Amalie Sophie, aufgenommen in Wien, bevor sie ins Exil gehen mussten.© Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien (Akte 22061). Mark Siegelberg und seine Frau Amalie Sophie, aufgenommen in Wien, bevor sie ins Exil gehen mussten.© Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien (Akte 22061).

Literarische Nachlässe erweisen sich immer wieder als ergiebige Fundgruben, gerade dann, wenn sie aus einer ganz anderen Zeit oder aus einem ganz anderen Land kommen. Dies betrifft nicht nur die Hinterlassenschaften von Autoren, die vor den Nazis nach Israel, in die USA oder nach Südamerika flüchten mussten, sondern auch - oder sogar insbesondere - jene Schriftsteller, die an so abgelegenen Orten wie Shanghai Zuflucht fanden.

Information

Literatur:

Mark Siegelberg: Das zweite Gesicht / The Face of Pearl Harbor.German and English Parallel Text. Ed. Tomas Sommadossi. Iudicium Verlag, Reihe Iaponia Insula, München 2017. Im Buchhandel erhältlich.

Mark Siegelberg, Hans Schubert:Die Masken fallen - Fremde Erde.Zwei Dramen aus der Emigration nach Shanghai 1939-1947. Hrsg. von Michael Philipp und Wilfried Seywald. Schriftenreihe der Hamburger Arbeitsstelle für Deutsche Exilliteratur, Hamburg 1996. Bestellungen an: wilfried@seywald.at.

Wilfried Seywald
ist PR-Berater und Medienunternehmer in Wien. Er promovierte 1987 mit einer Arbeit über die jüdische Emigration in Shanghai und sicherte u.a. den literarischen Nachlass von Mark Siegelberg für die Nachwelt.

Tomas Sommadossi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Transpacifica: Mitteleuropäische Observationen einer neuen Mitte (1900-1945)" an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule der Freien Universität Berlin. Kontakt: tomas.sommadossi@fu-berlin.de.

Zu dieser zweiten Rubrik zählt der heute nahezu vergessene Wiener Zeitungsmacher, Radiojournalist und Autor Mark Siegelberg (1895-1986), der nach einer abenteuerlichen Flucht übers Meer in der chinesischen Millionenmetropole Karriere als Bühnenautor machte. Im Schatten der großen Weltpolitik gelang es nach dem "Anschluss" Österreichs und vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs noch fast 20.000 jüdischen Exilanten aus Wien und Berlin, dort anzulanden. Shanghai war dazumal die einzige Stadt weltweit, die noch Flüchtlinge aufnahm - kein sicherer Hafen, aber ein Ort, wo sich niemand für staatenlose Emigranten interessierte.

Stadt der Widersprüche

Die Stadt war binnen weniger Jahre auf vier Millionen Menschen angewachsen: hier die mondäne Skyline der ersten Hochhäuser der internationalen Finanzelite, dort die Elendsviertel der massenhaft in die Stadt strömenden Landbevölkerung. Einige tausend Amerikaner, Engländer, Franzosen und Nazi-Deutsche, durchwegs gut situierte Geschäftsleute, Diplomaten und Agenten, lebten neben zehntausenden Flüchtlingen aus Russland und Millionen Chinesen. Armut, Hunger, Prostitution, Gewalt und Terror waren allgegenwärtig. Es gab zwei autonom verwaltete Ausländerbezirke, die schönsten Shanghais, wo das Kapital regierte: das "International Settlement" und die "Französische Konzession". Dahinter war chinesisches Niemandsland, in den turbulenten Dreißiger Jahren Schauplatz blutiger Gemetzel.

In diese Szenerie tauchte Mark Siegelberg ein, wie einige dutzend weitere Journalisten, Autoren, Musiker und Theaterleute aus Mitteleuropa. Sie hielten sich so gut es ging über Wasser - in den seltensten Fällen als Künstler, zumeist als improvisierte Tagelöhner. Was immer an Kunst und Literatur entstand, es blieb weitgehend im Verborgenen, zu groß waren die Not und der Kampf ums nackte physische Überleben.

Als einer der wenigen schaffte es Siegelberg - wenn auch nur vorübergehend - zu bescheidenem Wohlstand, zumal er im Exil seine journalistische Tätigkeit nahtlos fortsetzen konnte. Die chinesische Großstadt verfügte über eine vielfältige Publizistik in westlichen Sprachen. Gemeinsam mit Journalisten verlegte der Wiener erfolgreich Tageszeitungen (wie etwa die "Shanghai Jewish Chronicle") und produzierte Radio mit Unterstützung der britischen Gesandtschaft, mit der er kooperierte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-14 17:38:04
Letzte ─nderung am 2017-12-15 16:35:03



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