• vom 17.12.2017, 13:00 Uhr

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Literaturgeschichte

Ein ewiger Anfänger




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Von Christian Teissl

  • Der Schriftsteller Heinrich Böll versuchte zeitlebens, die Erwartungen, die an ihn gerichtet waren, zu unterlaufen. Am 21. Dezember würde er 100 Jahre alt.



Heinrich Böll (1917-1985), Romancier, Essayist, Linkskatholik, Polemiker.

Heinrich Böll (1917-1985), Romancier, Essayist, Linkskatholik, Polemiker.© Ullstein/Sven Simon Heinrich Böll (1917-1985), Romancier, Essayist, Linkskatholik, Polemiker.© Ullstein/Sven Simon

"Durst! Wasser! Flieger! Panzer! Jammer! Blut und Feuer! Jammer! Not, Dreck und Elend . . ."

Information

Heinrich Böll: Man möchte manchmal wimmern wie ein Kind.Die Kriegstagebücher 1943-45. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 332 Seiten, 22,70 Euro.
Ralf Schnell:Heinrich Böll und die Deutschen.Kiepenheuer & Witsch 2017, 235 Seiten, 19,60 Euro.
Jochen Schubert:Heinrich Böll. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2017, 343 Seiten, 30,80 Euro.

Christian Teissl, geboren 1979, lebt als freier Schriftsteller in Graz. Näheres unter www.christianteissl.at.

In großen Lettern schreibt der Gefreite Heinrich Böll im Mai 1944 an der rumänischen Front diese Worte in sein Tagebuch, dem er seine Träume anvertraut, in das er die Orte notiert, in die der Krieg ihn verschlägt, Titel von Filmen, die er im Frontkino gesehen hat, Titel von Büchern, die er gierig liest, und immer wieder, wie beschwörend, den Namen seiner Frau Annemarie. Dieses Kriegstagebuch, das Böll zwischen 1943 und 1945 führte, ist Ausdruck der Ausweglosigkeit und abgrundtiefen Verzweiflung, aber auch der unerschütterlichen Zuversicht (die Worte "Gott lebt und Gott wird mir helfen!" kehren leitmotivisch wieder). In einer sorgfältigen Faksimileausgabe liegt es nun erstmals vor, penibel transkribiert und aufschlussreich kommentiert. In ihm finden sich alle die Stichworte versammelt, aus denen Böll nach dem Krieg dann Geschichten geformt hat.

"Tiefe Empfindsamkeit"

Geschrieben hatte der Sohn einer katholischen Kölner Handwerkerfamilie schon vor dem Krieg, hatte verträumte Verse gezimmert - Proben davon zitiert Jochen Schubert in seiner soeben erschienenen neuen, materialreichen Biographie - und unter dem Eindruck der Lektüre Léon Bloys und anderer Autoren des Renouveau catholique einen Roman mit dem Titel "Am Rande der Kirche" begonnen. Der Krieg aber machte alle seine literarischen Pläne zunichte. Ende August 1939, noch keine 22 Jahre alt, wurde er zu einer Übung eingezogen, die sich, wie er später sarkastisch bemerkte, "bis zum November 1945 hinzog". Böll durchwanderte den Krieg an verschiedenen Fronten und sandte von überall Feldpostbriefe nach Hause. "Gott hat mir nicht umsonst eine so tiefe Empfindsamkeit gegeben und hat mich nicht umsonst so leiden lassen, ich habe gewiß eine Aufgabe zu erfüllen, von der ich selbst vielleicht nicht einmal etwas ahne", heißt es in einem Brief.

Im Herbst 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft in die Freiheit entlassen - das Kriegstagebuch schließt mit den Worten "Entlassung in Bonn" - kehrte er zu seiner Familie zurück und fand rasch zu seiner Aufgabe: Zeugnis ablegen von dem, was er gesehen, erlebt und erlitten hatte, an der Front, in der Etappe, im Hinterland. Dabei folgte er der Losung Wolfgang Borcherts: "Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv." Es war die Losung der Stunde. Laut und deutlich stellte Böll die Frage nach Schuld und Mitverantwortung und stellte sich, um Ausdruck ringend, dem rasch einsetzenden Vergessen und Verdrängen entgegen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-14 17:41:07
Letzte Änderung am 2017-12-15 16:32:39



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