• vom 10.01.2018, 15:57 Uhr

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Update: 10.01.2018, 16:19 Uhr

Sachbuch

Tagebuch des Untergangs




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Von Walter Hämmerle

  • Gerhard Jelinek bringt in seinem Buch "Es gab nie einen schöneren März" Unbekanntes über den "Anschluss".



Es waren tatsächlich historische dreißig Tage, diese Zeit vom 11. Februar bis zum 12. März 1938, und an deren Ende hörte Österreich für sieben Jahre auf, als eigenständiger Staat zu existieren. In der Nacht auf den 12. März marschierten Hitlers Truppen in der innerlich zerrissenen und wirtschaftlich wackeligen Alpenrepublik ein und setzten damit einen Schlusspunkt unter eine Entwicklung, in deren Verlauf das deutsche NS-Regime und seine Fünfte Kolonne seit 1933 den Druck auf Österreich, diesen zweiten deutschen Staat, kontinuierlich erhöhte.

Der ORF-Journalist Gerhard Jelinek hat allerdings mit dem Buch "Es gab nie einen schöneren März" keine der üblichen Zusammenfassungen der relevanten historischen Ereignisse vorgelegt, stattdessen erweiterte er die Perspektive auf diese letzten dreißig Tage Österreichs. Natürlich stehen die wichtigsten politischen Entwicklungen im Zentrum des im Titel angeführten kalendarischen Countdowns, aber eben nicht nur. Jelinek sucht mit dem Brennglas des leidenschaftlichen Historikers nach den kleineren und größeren Ereignissen, die diesen Tagen in den Augen der Zeitgenossen ihren Stempel aufgedrückt hatten: Neben der hohen und niederen Politik sind das vor allem das Theater, das Wetter, der Sport und die eine oder andere Kuriosität.

Information

Buchtipp
"Es gab nie einen schöneren März". 1938: Dreißig Tage bis zum Untergang
Gerhard Jelinek
Amalthea Signum Verlag, Wien 2017. 320 Seiten, 25 Euro.

Dem Autor gelingt es dabei, auch für einschlägig interessierte Leser Überraschendes und Unbekanntes zu Tage zu fördern. Eine kleine Abhandlung über die Blütezeit des heimischen Eiskunstlaufs in den 1930er Jahren findet sich darunter ebenso wie die so abenteuerliche wie tragische Biografie der Unity Mitford, einer blutjungen britischen "nationalsozialistischen Schlachtenbummlerin" und Verwandten des späteren Kriegspremiers Winston Churchill, die Hitler und diese Tage des März aus nächster Nähe verfolgt.

Den roten Faden bilden aber natürlich die politischen Ereignisse, die wie auf einer schiefen Ebene dem Untergang entgegenrollen. Hier gelingt es Jelinek, eine so kompakte wie gut lesbare Erzählung zu entwickeln, die sich auch die Zeit und den Raum nimmt, die Charaktere der Haupt- und Nebendarsteller zu zeichnen, ihr Zaudern und Zögern auf der einen, der österreichischen Seite, und, auf der anderen Seite, ihre Rücksichtslosigkeit und ihr strategisches Vorgehen im Falle der NS-Anhänger. Und wer über den Titel des Buchs rätselt, dem sei verraten: Der bezieht sich auf das Wetter in diesen so aufregenden wie tragischen Tagen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-10 16:03:05
Letzte ńnderung am 2018-01-10 16:19:06



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