• vom 29.01.2018, 09:29 Uhr

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Update: 29.01.2018, 14:03 Uhr

Holocaust-Überlebende

Erinnern an das Unvorstellbare




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Von WZ Online, APA

  • Die Zeitzeugin Gertrude Pressburger warnt vor Hass und Hetze. Nun erscheint ihre Biographie "Gelebt, erlebt, überlebt".

"Ich bin nicht nach Wien zurückgekommen, um mich wieder unterdrücken zu lassen. Ich schwöre mir, mir nichts mehr gefallen zu lassen. Ich kämpfe mit meinem Mundwerk."

"Ich bin nicht nach Wien zurückgekommen, um mich wieder unterdrücken zu lassen. Ich schwöre mir, mir nichts mehr gefallen zu lassen. Ich kämpfe mit meinem Mundwerk."© APAweb, Herbert Neubauer "Ich bin nicht nach Wien zurückgekommen, um mich wieder unterdrücken zu lassen. Ich schwöre mir, mir nichts mehr gefallen zu lassen. Ich kämpfe mit meinem Mundwerk."© APAweb, Herbert Neubauer

Wien. "Frau Gertrude" war für kurze Zeit der Überraschungsstar im Präsidentschaftswahlkampf 2016. Das Facebook-Video einer damals 89-jährigen Wiener Holocaust-Überlebenden, in dem sie die Jugend zum "vernünftigen Wählen" aufrief und ihrer Besorgnis über rechte Kampfrhetorik Ausdruck verlieh, wurde ein viraler Internet-Hit und sorgte auch im Ausland für Aufsehen. Nun erzählt sie ihre Lebensgeschichte.

Im Wahlkampf war von manchen gemutmaßt worden, die alte Dame, die sich in ihrem knapp fünfminütigen Statement in ruhigen, klaren Worten dagegen aussprach, aus politischem Kalkül "das Niedrigste aus den Menschen herauszuholen", sei eine Erfindung des Van der Bellen-Wahlkampfteams. Und auch ein im April 2017 an die Werbeagentur Jung von Matt Donau für das Video verliehener Werbepreis sorgte für Irritationen. Doch Gertrude Pressburger gibt es wirklich. Und sie wundert sich über das öffentliche Echo, das sie ausgelöst hat.

Information

Gertrude Pressburger: "Gelebt, erlebt, überlebt". Aufgezeichnet von Marlene Groihofer, mit einem Nachwort von Oliver Rathkolb, Zsolnay, 208 Seiten, Lesung am 26.2., Buchhandlung Thalia, Wien 3, Landstraßer Hauptstraße 2A/2B

In dem bei Zsolnay erscheinenden Buch "Gelebt, erlebt, überlebt", das am Dienstag (30.1.) in der Präsidentschaftskanzlei präsentiert wird, ist das Video kein Thema. Ihre Überlegungen, die sie im Herbst 2016 anstellte, wiederholt sie dagegen im kurzen Epilog des Buches. Sie wolle "ein Gespür dafür vermitteln, welch zerbrechliches und kostbares Gut der Frieden ist. Dass der Wohlstand, in dem wir leben, nicht selbstverständlich ist." Sie fürchte sich davor, "dass wieder Krieg kommen könnte. Keiner, den ich noch erleben werde. Aber einer, der die nachfolgenden Generationen trifft."

Geschichte beginnt in Meidling in den 30er-Jahren

Die 1989 geborene Journalistin Marlene Groihofer gehört einer dieser Generationen an. Sie hatte Gertrude Pressburger, die davor auch im engsten Familienkreis kaum über ihre (Über)Lebensgeschichte gesprochen hatte, für ein Feature für "radio klassik Stephansdom" gewinnen können. Ihre Sendung wurde mehrfach ausgezeichnet. In dem Buch lässt sie Pressburger in der Ich-Form erzählen, bringt dazwischen aber immer wieder kurz die Gesprächssituation ins Spiel - ein elegantes Mittel, zwanglos Verknüpfungen zur Gegenwart herzustellen und von der Intimität zu erzählen, die das Erinnern an das Unvorstellbare mit sich bringt: "Nach Auschwitz sind wir beim Du angelangt."

Pressburgers Lebensgeschichte beginnt in einer Zimmer-Küche-Wohnung im Wien-Meidling der 1930er-Jahre. Es ist anfangs viel und liebevoll von den Eltern (der Vater ist Kunsttischler) und ihren jüngeren Brüdern Heinzi und "Lumpi" die Rede ("Mit dem einen lerne ich, mit dem anderen raufe ich."). Warum das so ist, geht einem erst dann auf, wenn mit einem Schlag die geliebten Menschen nicht mehr sind. Wenn ein einfaches und unspektakuläres Leben jäh gegen die Hölle auf Erden getauscht wird. Im Frühling 1944 endet eine sechsjährige Flucht, die die Familie unter sich ständig verschärfenden Bedingungen durch jugoslawische und italienische Städte geführt hat, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Italien auf grausame Weise. Diesmal gibt es kein Entkommen mehr. In Viehwaggons werden die Pressburgers nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Bei der Selektion an der Rampe wird die 16-Jährige ihre Eltern und ihre Geschwister das letzte Mal sehen.

Kein einmaliger "Betriebsunfall" der Geschichte

"Gelebt, erlebt, überlebt" erzählt in schlichten Worten davon, wie rasch sich Sicherheit und Geborgenheit in Angst und Überlebenskampf verwandeln können. Dass ihre katholische Familie jüdischer Herkunft ist, erfährt das Mädchen erst, als bereits Schmähung und Verfolgung eingesetzt haben. Es erzählt davon, wie verzweifelt der Mensch sich an Normalität klammert und welche unglaublichen Kräfte er mobilisieren kann. Es erzählt davon, was in uns schlummert, im Guten wie im Bösen. Und es erzählt davon, dass es sich um keinen einmaligen "Betriebsunfall" der Geschichte handelt: Als Gertrude Pressburger in das zerbombte Nachkriegs-Wien zurückkehrt, trifft sie nicht nur weiter auf Antisemitismus, sondern auch auf Rassismus, der sich etwa gegenüber einer mit ihr befreundeten schwarzen US-Soldatin äußert. Die junge Frau reagiert scharf. Denn: "Ich bin nicht nach Wien zurückgekommen, um mich wieder unterdrücken zu lassen. Ich schwöre mir, mir nichts mehr gefallen zu lassen. Ich kämpfe mit meinem Mundwerk."

"Gelebt, erlebt, überlebt" wartet auch mit amüsanten Passagen auf. Als sie kurz vor Kriegsende mit einem vom schwedischen Grafen Bernadotte organisierten Gefangenaustausch freikommt, begegnet sie innerhalb weniger Tage sowohl dem dänischen wie dem schwedischen König und kann darüber, freilich ziemlich unbeeindruckt, nur den Kopf schütteln. In Schweden lernt sie auch Bruno Kreisky kennen, damals Vorsitzender der "Österreichischen Vereinigung in Schweden". Er rät ihr ab, ins hungernde Wien zurückzukehren. Sie fährt trotzdem. Nicht immer war sie seither überzeugt, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ihre Unerschrockenheit und ihre Beharrlichkeit hat sich Gertrude Pressburger erhalten. Auch ihren Humor. Als sie mit ihrer Tochter zum 88. Geburtstag im Internet nach Motiven für ihre Geburtstagseinladungen sucht, stößt sie auf eine "88", die eindeutig auf das geheime Nazisymbol (88 steht für "Heil Hitler" wie für SS, je nachdem, ob man das Alphabet von vorne oder von hinten liest, Anm.) anspielt. Sie verwendet extra dieses Motiv und verspürt "ein kleines Triumphgefühl. Ich setze Hitler gedanklich in CC: 'Ich lebe noch!'"





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-29 09:34:19
Letzte Änderung am 2018-01-29 14:03:10


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