• vom 21.02.2018, 17:55 Uhr

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Update: 22.02.2018, 10:31 Uhr

Sachbuch

Im Bürgerkrieg der Gefühle




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Von Christina Aumayr-Hajek und Peter Hajek

  • In "Der neue Kampf um Österreich" denkt Walter Hämmerle über die Befindlichkeit einer Nation nach.

Was ist Österreich? Und worum dreht sich der Konflikt der Werte, der derzeit ausgetragen wird?

Was ist Österreich? Und worum dreht sich der Konflikt der Werte, der derzeit ausgetragen wird?© apa/Roland Schlager Was ist Österreich? Und worum dreht sich der Konflikt der Werte, der derzeit ausgetragen wird?© apa/Roland Schlager

Die Jahre 2016 und 2017 erscheinen vielen politischen Beobachtern und Kommentatoren als besonderer Kristallisationspunkt in der österreichischen Zeitgeschichte. Die Bundespräsidentschaftswahl brachte erstmals einen grünen Kandidaten in die Hofburg, die Nationalratswahl ermöglichte elf Jahre nach Schwarz-Blau I wieder eine konservative Regierungskoalition. So weit, so wechselhaft.

Insofern macht Walter Hämmerle in seinem Buch "Der neue Kampf um Österreich" das Richtige: Er wirft einen Blick tief in die österreichische Vergangenheit, um aus der historischen Perspektive das Heute zu erklären. Ob man dabei bei Friedrich Heer anknüpfen muss, ist diskussionswürdig. Unwidersprochen ist Heers Werk "Kampf um die österreichische Identität" (1981) ein Meilenstein der Geschichtswissenschaft, jedoch stellt sich die Frage, ob die von äußeren Kräften geprägte Entwicklung der Habsburgermonarchie noch ein schlüssiges Erklärungsmuster für die stattfindenden gesellschaftspolitischen Umbrüche darstellt.

Große Teile des Buchs sind exzellent gelungen. Hämmerle schafft es, im Stile von Hugo Portisch und Sepp Riff eine tour d’horizon von der Monarchie bis ins Heute zu zeichnen. Flott und spannend beschreibt er zum hundertsten Jahrestag der Republik die großen Entwicklungsschritte des Landes. Insofern gehört dieses Buch in jede Redaktion des Landes und wäre für angehende Innenpolitikjournalisten eine Pflichtlektüre.

Information

Der neue Kampf um Österreich
Walter Hämmerle
Edition a, 480 Seiten, 24,90 Euro

Zu den Autoren
Christina Aumayr-Hajek ist Kommunikationswissen-
schafterin und PR-Beraterin. Peter Hajek ist Meinungsforscher und Politologe.

Kernpunkt der Betrachtungen sind der noch heute vermeintliche Kampf um politische Identität und Moral. Die Trennlinie zwischen Nation und europäischer Orientierung ist eine richtige Beobachtung, wird aber von Hämmerle aus der Warte des 20. Jahrhunderts, somit als etwas unversöhnlich Gegensätzliches betrachtet. Die Österreicher sind da aber schon weiter und erleben diese Fragestellung als sich ergänzend. Hämmerle macht das beispielhaft an der Bundespräsidentschaftswahl von 2016 fest, indem er die Wähler von Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer als zwei Lager beschreibt. Sozial- und politikwissenschaftlich hier von zwei Lagern zu sprechen, ist dem journalistischen Blick geschuldet, hat aber mit der gesellschaftspolitischen Realität relativ wenig zu tun. Zu sehr hat sich die Gesellschaft bereits ausdifferenziert. Da wäre es gut angestanden, die Literaturliste um aktuelle Wissenschaftsliteratur wie Andreas Reckwitz Werk "Die Gesellschaft der Singularitäten" zu ergänzen.

Lagerkampf der Gefühle

Anbetracht dessen ist der Gedanke eines neuen österreichischen Bürgerkriegs der Gefühle überzogen. Hämmerle teilt die emotionale Befindlichkeit des Landes in zwei rivalisierende Fraktionen links und rechts der Mitte und in die schweigende Mehrheit "das dritte Österreich" dazwischen. Wer als Journalist selbst Teil der Medienblase ist, nimmt die unversöhnliche Spaltung des Landes mit Sicherheit stärker wahr. Aber wie repräsentativ ist diese Gefühlslage für den Rest des Landes?
Der Soziologe Reckwitz hingegen verortet eine Gesellschaft der Singularitäten. Das Politische kreist für ihn nicht mehr um Verteilungsfragen, sondern um kulturelle Fragen. Einen ähnlichen Gedanken verfolgt Hämmerle, wenn er einen Konflikt um Werte und Identitäten identifiziert. Die Zeit der großen gemeinsamen Erzählung ist für ihn vorbei, aber was taugt dann noch als gemeinsamer, sozialer Kitt?

Der Journalist der "Wiener Zeitung" und studierte Politologe formuliert dazu eine hoch aktuelle Frage, auf die es derzeit noch keine Gewissheit gibt: Wie kann eine Demokratie funktionieren, wenn immer weniger für die Erwirtschaftung des Wohlstands gebraucht werden? Und der Rest in die Rolle der Nur-noch-Konsumenten herabsinkt, deren Nützlichkeit sich darin erschöpft, dass sie das ihnen zugeteilte Geld im Dienste der Binnennachfrage verbrauchen. Wer denkt, dass sich liberal-konservative Köpfe wie Hämmerle sozialen Fragen verweigern, wird von ihm eines Besseren belehrt.

Zum Schluss gelingen Hämmerle zwei vortreffliche Gedanken, die sich eine tiefergehende Betrachtung verdient hätten. Ein Grundproblem der österreichischen Verfasstheit beruht darauf, dass der Staat und seine Institutionen ohne die Parteien kaum denkbar sind. Diesen aufklärerischen Schritt haben sowohl Politiker als auch Wähler bis heute nicht vollzogen, was aber zweifelsohne notwendig wäre. Hier schließt Hämmerle auch den Bogen zu Friedrich Heer.

Was man tut, ist nichts wert

Die Identität der Zweiten Republik wird von Hämmerle mit Staatsvertrag, Neutralität und der Schönheit des Landes beschrieben. Viel stärker aber prägte das Land und seine Menschen der gesellschaftliche Ansatz "über die Arbeit zur Humanität", wie Hämmerle so grandios beschreibt. Übersetzt heißt das: Egal, was Du zwischen 1938 und 1945 getan hast, wenn Du Dich einreihst in den Aufbau des Landes, dann red’ ma nimmer drüber. Der Fleiß und die daraus resultierende Sozialversicherungssolidarität sind der gesellschaftliche Kitt des Landes. Die logische Kumulation dieses Identitätsmerkmals findet sich in der als Neiddebatte verkannten Diskussion über die Mindestsicherung für Flüchtlinge.

"Der neue Kampf um Österreich" ist der persönliche Kampf eines Citoyens um Erklärung und Einordnung der politischen Entwicklungen in und um Österreich. Dem liberal-konservativen Autor gelingt ein ideologisch ungetrübter Blick auf die jüngere Geschichte des Landes und stellt seine historisch fundierten, aber gewagten Zukunftsgedanken zur Diskussion. In diesem Sinne ist das Buch ein Glücksfall. Das solide politikwissenschaftliche Fundament garantiert dem Leser eine präzise Rückschau, der journalistische Weckruf verhindert, dass in irgendeiner Form Langeweile aufkommt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-21 16:20:28
Letzte Änderung am 2018-02-22 10:31:36


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