• vom 28.02.2018, 14:13 Uhr

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Verletzliche Giganten




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Von Mathias Ziegler

  • Eine huldigende, aber auch warnende Ode an den größten Jäger der Erde: den Pottwal.

Bis zu 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer kann ein männlicher Pottwal werden - und doch ist die größte Bedrohung ein Wesen mit weniger als zwei Metern Körperlänge. Foto: apa/Naturhistorisches Museum/Thomas Haider

Bis zu 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer kann ein männlicher Pottwal werden - und doch ist die größte Bedrohung ein Wesen mit weniger als zwei Metern Körperlänge. Foto: apa/Naturhistorisches Museum/Thomas Haider Bis zu 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer kann ein männlicher Pottwal werden - und doch ist die größte Bedrohung ein Wesen mit weniger als zwei Metern Körperlänge. Foto: apa/Naturhistorisches Museum/Thomas Haider

1981 sorgte die Rettung eines Pottwals bei Long Island für Furore: "Physty", wie ihn seine Retter tauften, hatte eine Lungenentzündung und wurde mit Antibiotika in Tintenfischen behandelt und dann wieder in die Freiheit entlassen. Der niederländische Journalist Kurt de Swaaf nimmt dieses Ereignis zum Ausgangspunkt für eine literarische Reise: Er erzählt - fiktiv, aber unterlegt mit etlichen handfesten Fakten -, was den Pottwal vielleicht dorthin führte; wo er wahrscheinlich geboren worden war; wie sein Familienleben vermutlich aussah; was er jagte; wohin er wohl weiterzog.

Denn einiges weiß man über die größten Raubtiere der Gegenwart, deren männliche Exemplare gut 20 Meter lang und mehr als 50 Tonnen schwer werden können - und bei ihren Tauchgängen in 1000 Meter Tiefe doch nur meist kleine Happen (davon aber unzählige) erwischen. Gut eine Million Pottwale mag es noch vor 300 Jahren gegeben haben, ehe ihr Tran und Öl der industriellen Revolution zupass kamen und die Bestände auf heute geschätzte 370.000 Tiere dezimiert wurden. Und weil Pottwale nur wenig Nachwuchs bekommen, wird ihre Zahl eher weiter sinken als wachsen angesichts der Gefahren, die ihnen vom Menschen selbst mit dem Walfangmoratorium drohen.


Die einzigen Feinde: Orcas und Menschen



Deshalb sollten wir uns die Bedeutung und die Verletzlichkeit dieser Giganten der Meere bewusst machen - abseits von Mythen wie "Moby Dick". Kurt de Swaaf leistet seinen Beitrag dazu. Er beschreibt das beeindruckende Sozialverhalten der Pottwale und die Konsequenzen aus den massiven Größenunterschieden zwischen Pottwalbullen und -kühen für deren Zusammenleben (sie sind eher treu, treffen sich aber selten, weil die Bullen weiterwandern müssen, um genug Nahrung zu finden); ihre komplizierte Tonerzeugung und noch viel zu wenig erforschte Kommunikation; ihre enorm wichtige ökologische Rolle als Wanderer zwischen Hochsee und Tiefsee und warum ihr Schutz für die Fischerei nur Vorteile hat; ihre einzigen natürlichen Feinde (Orcas) und die fatalen Folgen der intensiven Bejagung über zweieinhalb Jahrhunderte sowie der (auch akustischen) Verschmutzung der Meere durch den Menschen; ihre weltweiten Wanderrouten (auch bedingt durch die Größe der Bullen) und die völlig isolierte kleine Population im Mittelmeer.

Auf jeder Seite spürt man die Faszination des Autors, der auch der Leser sofort anheim fällt.

Kurt de Swaaf: Der Geist des Ozeans

Benevento; 237 Seiten; 24 Euro




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Dokument erstellt am 2018-02-27 14:17:36


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