• vom 27.02.2018, 17:04 Uhr

Autoren


Sachbuch

Israels Schattenkrieg




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (16)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Ortner

  • Mehr als 3000 NS-Kriegsverbrecher, palästinensische Terroristen und andere politische Schwerstkriminelle hat Israel von seinem Geheimdienst liquidieren lassen.

Auch gern Objekt von Verschwörungstheorien , wie hier in Berlin: der Mossad. - © picturedesk/Ullstein

Auch gern Objekt von Verschwörungstheorien , wie hier in Berlin: der Mossad. © picturedesk/Ullstein

Im Juli 1980 wird im niederösterreichischen Karlstein an der Thaya ein harmlos scheinendes Päckchen aufgegeben, als Absender ist ein "Verein der Freunde der Heilkräuter" des Kräuterpfarrers Hermann-Josef Weidinger angegeben. Ein paar Tage später wird das Päckchen in der syrischen Hauptstadt Damaskus von seinem Adressaten, dem dort untergetauchten österreichischen NS-Verbrecher Ulrich Brunner, geöffnet. Die darin verborgene kleine Bombe explodiert, doch Brunner überlebt, lediglich um ein paar Finger ärmer. Auf die Reise nach Damaskus geschickt hatte die Briefbombe natürlich nicht der Kräuterpfarrer, sondern der israelische Geheimdienst "Mossad", schreibt der israelische Autor Ronen Bergman in seinem Buch "Der Schattenkrieg - Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad".

Es ist dies ein in jeder Hinsicht gewichtiges und beeindruckendes Werk geworden: knapp 900 Seiten lang plus ein hunderte Fußnoten und Quellenhinweise umfassender Anhang - trotzdem war es schon wenige Tage nach Erscheinen unter den Top 5 der "Spiegel"-Bestsellerliste zu finden. Noch nie ist es einem Historiker oder Journalisten auch nur annähernd gelungen, so umfassend, detailliert und präzise die Geschichte der gezielten Tötungen des israelischen Geheimdienstes seit Bestehen des jüdischen Staates zu dokumentieren.


Ohne rechtlichen Rahmen
Die meisten der Opfer waren hochrangige NS-Kriegsverbrecher oder palästinensische Terroristen, aber gelegentlich auch unbeteiligte Zivilisten, die das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. "1973 etwa sollte im norwegischen Lillehammer ein Führungsmitglied der Terrororganisation ,Schwarzer September‘ eliminiert werden. Aufgrund einer Verwechslung erwischte man jedoch einen unschuldigen Kellner." Mindestens 3000 Personen, schätzt Bergman, hat der Mossad über die Jahrzehnte vom Leben zum Tode befördert, also etwa so viele, wie Opfer des 9/11-Terrors geworden sind. "Allein während der zweiten Intifada gab es Tage, an denen vier bis fünf ,gezielte Tötungen‘ angeordnet wurden, in der Regel gegen Hamas-Aktivisten." Und zwar auf einer nicht übertrieben komplexen rechtlichen Grundlage: "Viele Jahrzehnte lang gab es keine Gesetze, die Aufgaben und Rechte der israelischen Geheimdienste bestimmten. Bis in die 70er-Jahre war es sogar verboten, die Existenz des Mossad öffentlich zu machen. Seit 2002 ist die Rolle des Inlandsdienstes Schin Bet definiert, während der Mossad weiterhin ohne rechtlichen Rahmen tätig ist."

Europäer in ihrer Komfortzone mögen das befremdlich finden, in Israel ist das angesichts der Bedrohung durch eine extrem unfreundliche Nachbarschaft weitgehend unumstritten. Wobei Bergman weder zu einer unkritischen Adoration des Mossad neigt noch den zahlreichen sich hinter vermeintlicher "Israelkritik" verbergenden Antisemiten Futter liefert.

Grundsätzliches Dilemma
Stattdessen wägt er das grundsätzliche Dilemma klug und besonnen ab, in dem sich Israel permanent befindet. Etwa, als der Mossad einen Terror-Scheich jagte, der unzählige Israelis ermorden ließ: "Ich habe eine Familie getroffen, die das Pech hatte, in ihrem Auto vorbeizufahren, als 2006 eine israelische Rakete einschlug. Die damals zweijährige Tochter hat ein Schrapnell abbekommen und ist seither vom Hals an abwärts gelähmt, ihr Vater muss sie den ganzen Tag pflegen. Über diesen moralischen Preis kann man nicht einfach hinwegsehen, er ist bisweilen unerträglich hoch. Andererseits haben die Tötung des Hamas-Führers Scheich Jassin und kurz darauf die seines Nachfolgers dazu geführt, dass die Flut von Selbstmordattentaten abflaute - das war kein kleiner Erfolg."

Dass dieser "moralische Preis" von den meisten Israelis akzeptiert wird, führt Bergman auf die Entstehungsgeschichte Israels nach dem Holocaust zurück: "Die Lehre daraus war, dass wir ein eigenes Land als Schutzraum für Juden brauchen und dieses Land gegen zahlreiche Feinde verteidigen müssen - mit allen Mitteln", meinte er in einem Interview. Den NS-Verbrecher Brunner hat der Mossad übrigens nie erwischt. "Seien Sie froh, dass ich das schöne Wien für Sie judenfrei gemacht habe", sagte der einem österreichischen Journalisten, der ihn 1987 in Damaskus aufgespürt hatte.

Sachbuch

Der Schattenkrieg Israels
und die geheimen Tötungskommandos des Mossad

Ronen Bergman

Deutsche Verlags-Anstalt

864 Seiten, 36 Euro




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-27 17:08:36


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Michel Houellebecq heiratet in aller Stille
  2. 2063
  3. Alma Mahlers Dichter-Onkel
Meistkommentiert
  1. Peinlicher Abklatsch
  2. Waren, die an Wert gewinnen
  3. Worin Stephan Schulmeister irrt

Werbung





Werbung