• vom 04.03.2018, 18:00 Uhr

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Im Grunde ist alles lächerlich




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Von Olaf Lahayne

  • Thomas Bernhard war ein Meister der Provokation. Vor 50 Jahren sorgte er mit seiner Rede anlässlich der Staatspreis-Verleihung für nationale Empörung.

Als Nestbeschmutzer geschmäht: Thomas Bernhard (1931-1989). - © Ullsteinbild/B. Friedrich

Als Nestbeschmutzer geschmäht: Thomas Bernhard (1931-1989). © Ullsteinbild/B. Friedrich

Bis heute wird Thomas Bernhard mit dem Epitheton "Skandalautor" bedacht, und oft assoziiert man mit dem Namen weniger seine Werke als die damit verknüpften Skandale. Höhepunkt waren die Vorgänge rund um die Uraufführung des Stückes "Heldenplatz" im Jahr 1988, wenige Wochen vor dem Tod des Autors (er verstarb am 12. Februar 1989, Anm.).

Am Anfang aber stand ein Vorfall vor 50 Jahren bei der Staatspreis-Verleihung am 4. März 1968 im Unterrichtsministerium. In seiner posthum veröffentlichten Schrift "Meine Preise" äußerte sich Bernhard recht abfällig über Auszeichnung wie Jury. Vor allem legte er Wert darauf, sich nicht selbst um den Preis beworben zu haben. Bernhards Bruder, Dr. Peter Fabjan, bestätigte aber, dass er auf Wunsch des Autors dessen Roman-Erstling "Frost" eingereicht hatte. Die Aufzeichnungen des Jurors Wolfgang Kraus zeigen, dass er Bernhard zu diesem Vorgehen ermutigt hat, obwohl es den Statuten widersprach.

Dankesrede

Information

Literatur:

Thomas Bernhard: Meine Preise. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009.

Thomas Bernhard/Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Suhrkamp 2009.

Theodor Piffl-Perčević: Zuspruch und Widerspruch., Styria, Graz/Wien/Köln 1977.

Olaf Lahayne: Beschimpft Österreich! Der Skandal um die Staatspreisrede Thomas Bernhards im März 1968. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016.

Aktueller Film:

Die Regisseure Matthias Greuling (Filmkritiker der "Wiener Zeitung") und David Baldinger spüren in ihrem Dokumentarstreifen "Der Bauer zu Nathal" dem Umgang mit Bernhards Erbe in Ohlsdorf nach, wo der weltbekannte "Skandalautor" einen Vierkanthof besaß und sich als "Landwirt" (Beruf laut Reisepass) niederließ. Uraufführung: 8. 3. im Starmovie Regau/OÖ. Filmstart in Wien: 13. 4. im Stadtkino.

Die anderen Juroren waren Hilde Spiel und Alfred Holzinger, wie Kraus bekennende Bernhard-Verehrer, obwohl der Autor 1968 noch recht unbekannt war. Dennoch kürten sie aus den 60 Einreichungen Thomas Bernhard zum Sieger.

Neben ihm wurden fünf weitere Künstler ausgezeichnet, darunter der Bildhauer Alfred Hrdlicka; außerdem erhielt der Autor Hans Lebert die Adalbert-Stifter-Medaille. Er trug durch eine Lesung zum Festakt bei, und Bernhard sollte eine Dankesrede verfassen. Dies tat er nach eigener Aussage nur widerwillig - und erst unmittelbar vor der Fahrt ins Ministerium. Nach Aussage von Zeitzeugen arbeitete Bernhard aber länger an der Rede; es sind zahlreiche Abschriften erhalten, die der Autor teilweise noch vor Ort verteilte.

Die Rede begann mit den vielzitierten Worten "Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt." Der Minister Theodor Piffl-Perčević verstand die Rede als Österreich-Schmähung; durch seine Replik "Ich bin trotzdem stolz, ein Österreicher zu sein" sowie die Laudatio sah sich wiederum Bernhard brüskiert. Eine Woche später titelte der "Wiener Montag" auf Seite 1: "So ‚dankt‘ ein Staatspreisträger: Beschimpft Österreich!"

Ansonsten blieb der Vorfall weitgehend unbeachtet. Dann initiierten Bernhard und sein Verleger Siegfried Unseld eine Reihe von Artikeln im In- und Ausland, in denen Bernhard verteidigt wurde. Die Absage der festlichen Verleihung des Anton-Wildgans-Preises an Bernhard erleichterte es, den Autor als Opfer eines Boykotts darzustellen.

Preis und Preisgeld erhielt Bernhard per Post; es war ihm damit die Gelegenheit genommen, mit einer neuen Rede den Skandal zu eskalieren. Dennoch erregte das Geschehen nun verstärkt Aufmerksamkeit. Bernhard verarbeitete dies in seinem Buch "Wittgensteins Neffe" (1982). Dazu spitzte er die Schilderung aus "Meine Preise" zu, strich aber Angriffe gegen die Juroren. Noch ausgeprägter sind die Unterschiede dieser Fassungen zu einem Bericht, den Bernhard nur 12 Tage nach dem Vorfall lieferte.

Bereits bei der Verleihung des Büchner-Preises 1970 hatten viele Kommentatoren das Geschehen von 1968 als bekannt vorausgesetzt. Erst "in der Rückschau will es scheinen, als sei mit dem Eklat ein Riss in der heilen Kulturwelt Österreichs entstanden", wie es der Literaturkritiker Ernst Fischer einst formulierte.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-02 13:50:36
Letzte Änderung am 2018-03-02 13:54:24


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