• vom 06.03.2018, 16:55 Uhr

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Update: 06.03.2018, 17:19 Uhr

Interview

"Die arabische Welt lebt im Mittelalter"




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Von Judith Belfkih

  • Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud über religiöse Tabus, verschleierte Körper und den Preis der Freiheit.

Kamel Daoud: "Bei uns gibt es zu viel Wir, aber hier gibt es zu viel Ich." - © afp/Bertrand Langlois

Kamel Daoud: "Bei uns gibt es zu viel Wir, aber hier gibt es zu viel Ich." © afp/Bertrand Langlois

Wien. Er wolle sich nicht mehr journalistisch äußern, hatte Kamel Daoud 2016 angekündigt, sich auf die Literatur konzentrieren. Der algerische Journalist und Denker, eine der wichtigsten unabhängigen Stimmen des Landes, hatte in internationalen Medien zu den sexuellen Übergriffen von Köln Stellung bezogen. Die arabische Welt habe ein "krankes Verhältnis zur Frau und dem Begehren", Europa sei in der Flüchtlingsfrage naiv, das "Geschlecht das größte Elend in der Welt Allahs". Daoud wurde für seinen Essay scharf kritisiert. Die toleranten Europäer warfen ihm Islamophobie vor, die Islamisten verhängten eine Fatwa.

Ganz gelungen ist Kamel Daoud der absolute Rückzug nicht, wie er im Interview erzählt. Eine deutliche Reduktion ist es geworden, denn er "hatte das Gefühl, die Kontrolle über meine Texte zu verlieren", sah sich in einem Zweifrontenkrieg. Für ausgewählte Medien wie die "New York Times" schreibt er noch. Einmal pro Woche erscheint auch ein Text in Algerien: "Schweigen war keine Option. Es kamen so viele Menschen auf mich zu, die mich gebeten haben, mich weiter zu Wort zu melden. Als Erdogan Algerien besucht hat zum Beispiel, da konnte ich nicht schweigen. Ein Diktator in meinem Land? Dazu musste ich einfach Position beziehen."

Schreiben gegen politische und religiöse Tabus

Dabei ist die Situation der Presse in Algerien alles andere als frei: "Seit etwa zehn Jahren leiden wir unter der Zensur und dem Druck - von politischer Seite und von der der Islamisten. Es gibt ein politisches Tabu und ein religiöses."

Derzeit ist Kamel Daoud auf Lesereise für sein neues Buch "Zabor ou les psaumes" (Zabor oder die Psalmen), das demnächst auch auf Deutsch erscheinen soll. "Es ist eine Verteidigungsschrift für die Freiheit des Schreibens. Schreiben ist oft das Einzige, was uns bleibt. Es sind die Künstler, die Schriftsteller, die die Freiheit einer Gesellschaft verteidigen." Sein Roman-Erstling "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung", mit dem er auf Albert Camus’ "Der Fremde" replizierte, war ein durchschlagender Erfolg und wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet.

1970 geboren und in einem algerischen Dorf aufgewachsen, hat Kamel Daoud die Welt der Bücher früh entdeckt: "Wir hatten keinen Fernseher, kein Schwimmbad, es gab nichts zu tun. Also habe ich lesen gelernt. Und jedes Buch verschlungen, das mir in die Hände kam." Literatur in seiner Muttersprache gab es keine, denn die wird, wie die Sprachen der gesamten arabischen Welt, ausschließlich gesprochen. Die Sprachen der Literatur waren für Daoud Französisch und klassisches Arabisch - beides komplexe Fremdsprachen.




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Schlagwörter

Interview, Kamel Daoud, Islam

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-06 16:38:43
Letzte Änderung am 2018-03-06 17:19:00


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