• vom 08.03.2018, 07:00 Uhr

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Justitias Sündenfall




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Von Edwin Baumgartner

  • James Q. Whitman ortet das Vorbild des US-amerikanischen Rechts für die rassistischen Gesetze der Nationalsozialisten.

Die Mentalität des Ku-Klux-Klan spiegelte sich in den 30er Jahren im US-Recht wieder.

Die Mentalität des Ku-Klux-Klan spiegelte sich in den 30er Jahren im US-Recht wieder.© ullstein bild Die Mentalität des Ku-Klux-Klan spiegelte sich in den 30er Jahren im US-Recht wieder.© ullstein bild

Die USA waren bis in die 1930er Jahre ein zutiefst rassistischer Staat, und ihre Rassengesetze dienten den Nationalsozialisten als Vorlage. Das ist die These, die der US-Amerikaner James Q. Whitman in seinem Buch "Hitlers amerikanisches Vorbild" zu belegen sucht.

Der Leser zuckt unweigerlich zusammen. Der Verweis auf eine Vorbildwirkung und eine zumindest erhebliche Mitschuld anderer ist eine Methode der Revisionisten, die Verantwortung der Nationalsozialisten an den Verbrechen kleinzureden. Doch Whitman ist weit davon entfernt, ein Revisionist zu sein. Der 1957 geborene Jurist wurde an der University of Chicago promoviert und war Guggenheim Fellow. Er arbeitet als Rechtsanwalt und lehrt an der Yale University Ausländisches Recht und Rechtsvergleichung.


Faszination und Aversion
Der seriöse Ansatz wäre umso mehr Wasser auf revisionistische Mühlen, wäre das Buch nur etwas besser geschrieben. So kämpft man sich durch 201 Seiten (der Rest der 248 Seiten entfällt auf Danksagung und Register) und würde am liebsten aufgeben, wäre das Thema selbst nicht so spannend. Es liegt zweifellos nicht am Übersetzer Andreas Wirthensohn, dass der Leser Sätze wie "Die NS-Bewegung entstand somit in einem Europa, das mit dem amerikanischen Einwanderungs- und Staatsbürgerschaftsrecht vertraut und mitunter sogar davon fasziniert war; diese Vertrautheit sowie gelegentliche Faszination begleiteten auch die Frühzeit des Nationalsozialismus und dauerten bis in die Jahre fort, als das in Nürnberg verkündete Reichsbürgergesetz erarbeitet wurde" mit von Seite zu Seite wachsender Verzweiflung zur Kenntnis nimmt.

Der Rassismus in den USA ist keine Entdeckung Whitmans. Bis heute gibt es dort eine starke Strömung, die eine Dominanz des weißen, nicht-jüdischen Mannes herbeisehnt. Der Ku-Klux-Klan ist selbst in unserer Gegenwart mehr als nur lächerliche Folklore, in den 30er Jahren konnte er gar ein Machtfaktor sein. Und der ans Pathologische grenzende Antisemitismus des Autoherstellers Henry Ford, der Pamphlete herausgab wie "Der internationale Jude - ein Weltproblem" sind zwar zumindest im deutschsprachigen Raum noch nicht hinreichend aufgearbeitet, aber nicht unbekannt.

Neu ist bei Whitman die eklatante Nähe von USA und Nationalsozialisten. Hitlers Aversion gegen die USA ist überdeutlich: "Meine Gefühle für Amerika sind voller Hass und Widerwillen; halb verjudet, halb verniggert und alles auf dem Dollar beruhend." Whitman jedoch weist nach, wie sehr Hitler zuvor von den USA fasziniert gewesen war. Ihm imponierte der Genozid der Einwanderer an der indigenen Bevölkerung. Auch später zogen die Nationalsozialisten Parallelen zwischen ihrem Genozid und dem der weißen Amerikaner: "Für die Mehrzahl der Wissenschaftler jedoch wiegen die Beweise zu schwer, als dass man sie ignorieren könnte", schreibt Whitman.

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Dokument erstellt am 2018-03-08 16:38:44


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