• vom 09.03.2018, 16:58 Uhr

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Wenn Einsamkeit krank macht




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Von Alexandra Grass

  • Gehirnforscher Manfred Spitzer über ein Phänomen unserer Zeit.

In der Natur wird das Alleinsein zum Heilmittel.

In der Natur wird das Alleinsein zum Heilmittel.© Fotolia/eyetronic In der Natur wird das Alleinsein zum Heilmittel.© Fotolia/eyetronic

Wien. "Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Krankheit, die hierzulande immer häufiger auftritt und chronische Schmerzen verursacht - eine ansteckende, von der medizinischen Wissenschaft noch kaum erforschte Krankheit, die sich schneller ausbreitet, als die Immunität gegen sie aufgebaut werden kann, und die als eine der häufigsten Todesursachen in der zivilisierten westlichen Welt eingestuft wird. Eine Krankheit, die das Aufkommen anderer Leiden begünstigt, von Erkältungen über Depressionen und Demenz bis hin zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und Krebs. Diese Krankheit wäre mithin ein bedeutender Risikofaktor für andere häufige und tödliche Krankheiten. Zugleich wäre sie tückisch, denn viele Betroffene wüssten gar nicht, dass sie an ihr leiden. Diese Krankheit gibt es tatsächlich. Ihr Name: Einsamkeit."

In seiner jüngsten Neuerscheinung "Einsamkeit - die unerkannte Krankheit" befindet sich der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer einem Phänomen auf der Spur, das in unserer heutigen Welt immer mehr um sich zu greifen droht. Wenn man näher hinsieht, wirkt es auch gar nicht so abwegig.


Wider die Natur
Doch zuerst einen Schritt zurück: Der Mensch ist ein Herdentier. Demzufolge leben die meisten unserer Spezies viel lieber in Gesellschaft als alleine. Unter unsereins fühlen wir uns wohl. Und immerhin verbringen wir etwa 80 Prozent unserer wachen Zeit zusammen mit anderen Artgenossen. Verantwortlich für dieses großteils unbewusste Bedürfnis nach sozialem Anschluss ist der Hirnstamm. In dieser Region sind vor allem Reflexe und automatisch ablaufende Vorgänge wie die Atmung oder Verdauung verankert.

Doch heute handeln wir, wie in so vielen anderen Dingen, auch hier ganz offensichtlich wider die Natur. So ist seit Jahren ein Trend hin zu einem Leben im Singular zu beobachten. Das beginnt bei der Industrie und endet bei der Kindererziehung. Nahrungsmittel werden im Supermarkt in immer kleineren Packungen angeboten, weil vermehrt Einzelpersonen für sich kochen und alleine essen. Im Wohnungsbau wird miniaturisiert und die Wirtshäuser sind auch nicht mehr so voll wie früher. "Heute setzt man sich eher - meist alleine - vor den Fernseher oder PC", schildert Spitzer.

Und ob sie es wollen oder nicht, würden auch die Eltern mit ihrem Erziehungsstil den Nährboden für die Entwicklung von Einsamkeit geradezu vorbereiten. "Wir erziehen unsere Kinder in geringerem Maß als früher zu Gemeinschaftswesen, sondern trainieren ihnen überbordende Selbstbezogenheit an. Gemeinsame Aktivitäten in der Familie sind rar geworden. Und was immer Kinder tun, sie sind die Größten und bekommen dies auch permanent gesagt." Das bleibt nicht ohne Folgen. Die Kinder würden regelrecht zum Narzissmus gedrängt. Das spiegelt sich auch in der Flut von Selfies wider, die Jugendliche täglich im Internet versenden. Das mit Abstand am häufigsten fotografierte Motiv von Kindern und Jugendlichen: sie selbst. Dabei handelt es sich um eine Größenordnung von rund 68 Prozent der abgelichteten Motive.

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Dokument erstellt am 2018-03-09 17:03:42


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