• vom 21.03.2018, 15:43 Uhr

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Update: 21.03.2018, 16:05 Uhr

Ausstellungskritik

Gesichter der Wiener Moderne




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Von Edwin Baumgartner

  • Eine Schau im Literaturmuseum zeigt "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl".

Bertha Zuckerkandl war als Salonnière und Publizistin eine zentrale Gestalt der Wiener Moderne. Vilma Elisabeth von Parlaghy Brochfeld hat sie beispielhaft porträtiert.

Bertha Zuckerkandl war als Salonnière und Publizistin eine zentrale Gestalt der Wiener Moderne. Vilma Elisabeth von Parlaghy Brochfeld hat sie beispielhaft porträtiert.© Österreichische Nationalbibliothek Bertha Zuckerkandl war als Salonnière und Publizistin eine zentrale Gestalt der Wiener Moderne. Vilma Elisabeth von Parlaghy Brochfeld hat sie beispielhaft porträtiert.© Österreichische Nationalbibliothek

Die Wiener Moderne: ein Geflecht von Beziehungen. In der Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek im Literaturmuseum hängt gleich links neben dem Eingang in die Schau "Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl" eine Tafel, die das grundlegende Wer-mit-Wem verdeutlicht.

Die Schau selbst zeigt, wie schnell die visuelle Umsetzung bei Themen wie Musik und Literatur an ihre Grenzen stößt und das gut Gemeinte das Gute ersetzt. Doch da stets auch gilt, dass nur das Bessere der Feind des Guten ist, stellt sich die Frage: Wie sonst hätte man die Sache angehen sollen, wenn man die Publizistin und Salonnière Bertha Zuckerkandl, den Philosophen Ludwig Wittgenstein und den Komponisten Alban Berg zusammenspannen will?

Information

Ausstellung
Berg, Wittgenstein, Zuckerkandl
Bernhard Fetz (Kurator)
Literaturmuseum
Bis 17. Februar 2019

Bücher und Noten

Solche Dreierkombinationen macht Klaus Albrecht Schröder in der Albertina effektvoll vor. "Seurat, Signac, van Gogh" hieß es bei ihm. Nur hatte er den Vorteil, dass Seurat, Signac und van Gogh genau das lieferten, was für eine Ausstellung geeignet ist, nämlich Bilder. Bücher hingegen wollen gelesen, Partituren gehört werden. Van Goghs "Sämann" gehört an die Wand, Bertha Zuckerkandls Übersetzungen aus dem Französischen hingegen nicht in eine Vitrine, sondern in die Hand eines Lesers.

Wobei es selbstverständlich auch für das Auge ganz ohne begleitendes Ohr interessant sein mag, wie sehr etwa Alban Bergs Skizzen in ihrer flüchtigen Schrift intuitiv anmuten, während sich die Ausarbeitung einer Notenkalligraphie annähert und die eben noch hingefetzte Schrift einer fast kindlichen Schönschreibübung.

Übrigens: Die Schau, mit der die Nationalbibliothek durch den Verweis auf die Wiener Moderne ihren Beitrag zum Jubiläum 1918/2018 leisten will, wertet ihre drei exemplarisch herausgegriffenen Personen deutlich - und Berg ist gewiss nicht der Protagonist. Die Nationalbibliothek besitzt, wie auch in den beiden anderen Fällen, seinen Nachlass - ein paar untererklärte Notenblätter und Fotos kann man angesichts dessen als mager empfinden. Andererseits: Im Hörraum gibt es die Möglichkeit, Ausschnitte aus der Oper "Wozzeck" und den "Altenberg-Liedern" zu hören, die einen beispiellosen Skandal verursachten - und schon erfährt man, rein akustisch, mehr über die Wiener Moderne, als durch alle Anschauungsobjekte der Ausstellung. Auch die übrigen Hörstationen sind eine gute Möglichkeit, sich den Personen wenigstens durch den Klang ihrer Stimme zu nähern.

Ludwig Wittgenstein findet sich eingebettet in seine Familie, die entweder selbst künstlerisch tätig ist, oder die Kunst nach Kräften fördert. Ein Typoskriptblatt, auf dem der Autor des "Tractatus logico-philosophicus" auf die Fragen des Übersetzers ins Englische eingeht, gehört gewiss zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Die prägende Salonnière

Bertha Zuckerkandl bleibt, der merklichen Bemühungen zum Trotz, seltsam farblos. Die ausgestellten Handschriften sind kaum zu entziffern, die Schuber unter den Vitrinen enthalten aber die Transkriptionen als Lesehilfe. Die Bücher besieht der Besucher sozusagen von außen. Das Charisma, durch das Bertha Zuckerkandls zu einer zentralen Gestalt der Wiener Moderne wurde, findet sich behauptet, der Betrachter darf es glauben, ohne es nachvollziehen zu können.

Aus der Schau herauskommend, stellt er sich schließlich die Fragen: Wäre Alma Mahler greifbarer gewesen als die Zuckerkandl? Schönberg statt Berg? Was ist mit Karl Kraus, der nur als Gegner der Zuckerkandl vorkommt? Wäre er der eine zu viel in der offenbar schon gesetzmäßigen Dreierkonstellation solcher Ausstellungen gewesen?

Aber es ist, was es ist - und was es ist, ist letzten Endes doch gar nicht so übel: Nämlich eine Anregung, sich mit diesen Gestalten und mit der Wiener Moderne sowieso auseinanderzusetzen. Der Katalog ist dazu übrigens eine glänzende Hilfestellung. Die Schau kann man quasi nebenbei mitnehmen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-21 15:47:56
Letzte Änderung am 2018-03-21 16:05:55


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