• vom 23.03.2018, 07:30 Uhr

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Doppelgänger und "Psychoanale"




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Von Christina Böck

  • Das Freud Museum erzählt von den Beziehungen des Psychoanalyse-Begründers mit den Literaten des Jungen Wien.

Freud erklärt Schnitzler seine "Doppelgängerscheu" (1922).

Freud erklärt Schnitzler seine "Doppelgängerscheu" (1922).© Sigmund Freud Privatstiftung Freud erklärt Schnitzler seine "Doppelgängerscheu" (1922).© Sigmund Freud Privatstiftung

Arthur Schnitzler schenkte einst Hugo von Hofmannsthal eine Ausgabe von "Der Weg ins Freie" mit Widmung. Die vergaß Hofmannsthal im Zug. Schnitzler, vom Missgeschick unterrichtet, verlangte eine Erklärung, und Hofmannsthal fand sie bei Sigmund Freud: ein "Schwebezustand des Willens", "zwischen Unbewusstem und Bewusstem", wie es Freud in der "Psychopathologie des Alltagslebens" beschrieben habe, sei der Grund für die schmähliche Vernachlässigung des Buchs gewesen.

Den betreffenden Brief kann man nun in einer Ausstellung im Freud Museum studieren. "Parallelaktionen" heißt die Schau, die die Beziehungen des Psychoanalyse-Erfinders mit den Literaten des Jungen Wien veranschaulicht. Vier Kleiderkästen wurden zweckentfremdet und Schriftstellern zugeordnet, die von Freud entweder beeinflusst waren, seine Thesen und Motive weiterentwickelt haben oder die er einfach gewaltig aufgebracht hat.


Karl Kraus nämlich. Er ist hier in einem altdeutschen Kasten untergebracht, Kuratorin Daniela Finzi erzählt in ihm die Geschichte einer Entfremdung. Kraus war nicht von Anfang an der erbitterte Freud-Gegner, als den ihn die Geschichtsschreibung der Psychoanalyse bezeichnet. In der "Fackel" berichtete er über die Sexualtheorie, Freud schien auch als Leserbriefschreiber auf. Auf die Palme brachte Kraus aber die psychoanalytische Abwertung der Eigenständigkeit eines Kunstwerks zugunsten der "Couch-Legung" des Künstlers. Die Abneigung gipfelte schließlich im "Traumstück", in dem Kraus den "Psychoanalen" ausrichtet: "Geb ich keinen Deut’ für jene Deutung."

Die anderen drei Schränke sind mitnichten so feindselig. Hofmannsthal (im Louis-Seize-Stil) beschäftigte sich vor allem mit denselben Mythen wie Freud. Dass er dessen Schriften auch gelesen hat, belegt ja die eingangs erwähnte Anekdote. Auf der anderen Seite war auch Freud mit dem Werk des Schriftstellers bekannt: Eine Diskussion über "Elektra" - schnell als Hysterikerin im Freud’schen Sinn diagnostiziert - ließ Freud seinen Unmut darüber äußern, dass die Dichter "unsere Analysen poetisieren". Von "König Sophokles" wiederum war er nachhaltig begeistert.

Bambi auf der Couch
Im Biedermeierkasten von Arthur Schnitzler ist wohl die faszinierendste Beziehung verstaut: Obwohl die Parallelen in den Seeleneinsichten zwischen den beiden frappierend sind, gab es persönlichen Kontakt zwischen Schnitzler und Freud erst spät. Ein Brief Freuds illustriert warum: Er habe "eine Art Doppelgängerscheu" empfunden, eine "unheimliche Vertrautheit" habe ihn berührt, wenn er Schnitzlers Werke gelesen hat, die auf eine ganz andere Weise doch zu denselben Ergebnissen kamen wie seine Arbeit.

Im vergleichsweise nüchternen Eschefurnier läuft schließlich ein Zeichentrickfilm in Endlosschleife: "Bambi" Es ist der Schrank, der Felix Salten gewidmet ist. Er zeigt nicht nur - mit einer Teppichwerbung neben der berühmten "Mutzenbacher" - die Vielseitigkeit Saltens, der auch Journalist mit besten Kontakten zum Hof war. Zu sehen ist auch eine kritische Würdigung des umstrittenen Karl Lueger von Salten, auf die Freud mit einem Brief reagierte: "Die heikle Aufgabe konnte kaum treffender, würdiger und wahrheitsgemäßer gelöst werden."

Es ist eine kleine, feine Ausstellung, eine hübsche Ergänzung zur derzeit grassierenden Beschäftigung mit der Wiener Moderne. Es ist auch die letzte Sonderausstellung vor dem Umbau des Museums - ein neues Crowd-funding-Projekt wirbt für Spenden für die sichere Unterbringung der Bibliothek.

Ausstellung

Parallelaktionen. Freud und
die Literaten des Jungen Wien

Sigmund Freud Museum,

Bis 31. Dezember




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Dokument erstellt am 2018-03-22 15:59:57


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