• vom 14.04.2018, 17:00 Uhr

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Die Frau, die ihrer Zeit voraus war




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Von Elisabeth Freundlinger

  • Mit "Makkaroni in der Dämmerung" ist in der Wiener Edition Atelier ein Sammelband mit Feuilletons der Schriftstellerin Vicki Baum (1888-1960) erschienen.





Vicki Baum war eine Vielschreiberin. Sie verfasste nicht nur zahlreiche Romane, von denen so gut wie jeder zum Bestseller wurde, sie schrieb auch Beiträge für Zeitungen und Magazine. Als Musikerin begann sie ihre journalistische Arbeit mit Kulturkritiken, aber bald schon widmete sie sich den "klassischen Frauenthemen" wie Mode, Kosmetik und Liebe.

Doch wenn schon über Rocklängen und Rüschen schreiben, dann doch gleich auch über den sozialpolitischen Hintergrund - wenn schon Zeitgeist, dann kritisch. Scharfzüngig, doch charmant zerlegte Vicki Baum die von Männern geschaffenen Gesellschaftsstrukturen. Eine Auswahl dieser "kleinen Prosa" wurde von der Literaturwissenschafterin Veronika Hofeneder
unter dem Titel "Makkaroni in der Dämmerung" nun in der Wiener Edition Atelier veröffentlicht.

Information

Vicki Baum
Makkaroni in der Dämmerung

Feuilletons. Hrsgg. von Veronika Hofeneder, Übersetzungen von Martin Pesl. Edition Atelier, Wien 2018, 320 Seiten, 25,- Euro.

In bester Kolumnistenmanier kombinierte Vicki Baum in ihren Texten Trotz und Präzision, Provokation und Witz, knallte ihrer Leserschaft im leichten Plauderton Wahrheiten um die Ohren: "Früher heuchelten die Zyniker Gefühl, heute heucheln die Gefühlvollen Zynismus. Früher musste man die Untreue verstecken, heute die Treue. Früher war die Lust das tiefste Geheimnis der Liebe. Heute ist die Erotik das große Plakat, das ausgehängt wird, und hinter dem die Liebe, das tiefere Gefühl, sich versteckt hält", analysierte Baum den Zeitgeist 1928 in dem Magazin "Die Dame".

Mut und Willenskraft: Vicki Baum.

Mut und Willenskraft: Vicki Baum.© Max Fenichel/Edition Atelier Mut und Willenskraft: Vicki Baum.© Max Fenichel/Edition Atelier

An Themen mangelte es ihr nie. Die für den Sammelband titelgebende Story "Makkaroni in der Dämmerung" ist eine liebevolle Abrechnung mit der damals modernen Fotografie und der ästhetischen Erhöhung des Gewöhnlichen. Wer hinter "Informationen über Lady Chatterley" pikante Lektüre vermutet, wird eines Besseren belehrt. Elegant wischte die Autorin die erotische Komponente zur Seite und ortete das eigentlich Frivole anderswo: "Der Skandal des Buches ist nicht der Ehebruch an sich, sondern, daß eine Lady sich mit einem Menschen der ‚lower classes‘ einläßt."

Für die eigene Person hatte sich die Autorin das Recht auf Sexualität, auf berufliche Verantwortung und auf Anerkennung, die sich auch auf dem Bankkonto widerspiegelt, genommen - und empfahl diese Haltung auch ihren Geschlechtsgenossinnen. Gewiss überforderte sie damit so manche Leserin: "Wirklich, die Frauen bieten den Männern jetzt fair play", schrieb sie 1928. "Sie haben ihr Teil der Verantwortung auf sich genommen, es werden keine Lilien geknickt und keine Jungfrauen im Sack gekauft. Man ‚opfert‘ sich nicht, wenn man einem Mann angehört, und man ‚versorgt‘ sich nicht, wenn man heiratet. Die anständige Frau hat den Vorsprung an gepflegter Körperlichkeit und erotischem Wissen eingeholt, den sonst die Demimondaine vor ihr voraus hatte. Sie hat als Berufskamerad ihre Einblicke in die männlichen Bezirke der Ämter, Büros, Sprechzimmer und Geschäfte genommen, sie hat dabei zwar etwas Respekt vor den Leistungen des Mannes verloren, aber das Verständnis für seine gottgewollte Verbohrtheit in den Beruf erlangt."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-12 18:06:21
Letzte Änderung am 2018-04-13 11:52:41


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