• vom 19.04.2018, 16:47 Uhr

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Update: 24.04.2018, 16:54 Uhr

Sachbuch

Kompendium der Orbán-Tricks




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Von Daniel Hirsch

  • Journalist Stephan Ozsváth setzt sich sehr kritisch mit Orbáns Ungarn auseinander.

"Viktor Orbán - ein europäischer Störfall?", fragt der deutsch-ungarische Journalist Stephan Ozsváth in seinem Buch. Auf der Suche nach der Antwort klärt er über den Rechtsruck im heutigen Ungarn und Orbáns Machttechniken auf. Für Ozsváth steht "Puszta-Populismus" für den Abschied von Political Correctness und Demokratie im einst vom Tourismus geprägten Ungarn. Dem "Puszta-Populisten" Viktor Orbán ist der Machterhalt wichtiger als weit entfernte EU-Institutionen und deren Werte.

Das Buch zeichnet nach, wie aus dem einst Liberalen aus strategischen Gründen ein Völkisch-Nationaler wurde, der die Sehnsucht der Ungarn nach alter Größe instrumentalisiert. Hierfür werden Symbole und Sprachmuster mit völkischem Inhalt eingesetzt, um Emotionen anzusprechen. Hier trumpft der Autor auf: Ozsváth ist Radiomacher sowie NLP-Trainer und hat so ein tiefes Verständnis von der Semantik der Sprache. Er macht etwa darauf aufmerksam, dass Orbán seit seinem Wahlsieg 2010 "Republik" und "Bürger" zugunsten von "Nation" und "Volk" aus dem Vokabular verschwinden lässt.


Angst als "Währung"
Auch im Kampf mit der EU setzt Ungarns Premier auf "Nation sticht Europa". Wer ihn kritisiert, greife folglich nicht ihn, sondern "das ungarische Volk", gar "Ungarn selbst" an. Das verbale Rebellentum, so der Autor, treffe die ungarische Seele, die ähnlich denkt, Orbán hat als sprachlicher Manipulator also leichtes Spiel. Auch, weil der durch die Regierung verzerrte Medienmarkt gleich mehrere treue Sprachrohre bietet. Ozsváth selbst formuliert auch offensiv: "Budapester Regierungsbüros sind zur Sündenbock-Fabrik geworden - und Viktor Orbán ist ihr CEO"; das Orbánsche "Maffiasystem" begünstige befreundete Oligarchen und Korruption. Der Autor kann aber auch analytisch: "Die Angst ist deshalb die wichtigste politische Währung des Puszta-Populisten, denn aus der Angst heraus scharen sich Menschen naturgemäß um ihren Anführer, um gegen die Fährnisse in der Welt da draußen geschützt zu sein."

Auf Leser, die sich über Orbán-Ungarn informieren wollen, wirkt das akribisch recherchierte Werk erschütternd. Ungarn-Kenner erinnert es an all die Schritte Orbáns, die die aktuelle Situation formten. Ozsváth liefert somit ein Kompendium der Orbán-Tricks, nach dessen Lektüre sich beide Lesergruppen fragen müssen: Wie viel Geduld hat die EU mit dem "europäischen Störfall"? Denn sein Muster findet auch EU-weit Nachahmer.

Sachbuch

Puszta-Populismus

Von Stephan Ozsváth

Vorwort von Paul Lendvai

danubebooks, 200 Seiten, 16 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Orban, Lendvai

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-19 16:51:18
Letzte Änderung am 2018-04-24 16:54:22


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