• vom 19.04.2018, 16:47 Uhr

Autoren

Update: 24.04.2018, 16:51 Uhr

Sachbuch

Wo Freiheit endet




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Oliver vom Hove

  • Aus dem Nachlass entdeckt: ein Freiheitsessay von Hannah Arendt.

Hannah Arendt, Philosophin und Raucherin.

Hannah Arendt, Philosophin und Raucherin.© dpa Hannah Arendt, Philosophin und Raucherin.© dpa

Vor lauter Bedürfnis nach Sicherheit gerät die Freiheit zunehmend unter Druck. Ohnehin wird sie in unseren Gesellschaften meist viel zu selbstverständlich angenommen. Wie sonst wäre erklärlich, dass Sympathien für autoritäre Systeme hochklettern, in denen die Freiheit des Einzelnen in die Halsmarter gelegt wird.

Anderseits lassen sich auch hierzulande mündige Bürger, die sich als fortschrittlich ausgeben, durch öffentliche Redegebote, "political correctness" genannt, gängeln. Die Streitkultur wird dabei auf die Anklagebank verwiesen: Ankläger und Richter sind dort meist moralische Tugendwächter in einer Person. Liberale Demokratien sind von links wie von rechts unter Beschuss. Da kommt ein soeben aus dem Nachlass veröffentlichter Vortrag von Hannah Arendt (1906-1975) gerade recht, um die argumentativen Gewichte der Freiheit wieder ins Lot zu rücken. Unterschieden wird in der über 50 Jahre alten Schrift zwischen Freiheit, Befreiung und Revolution. Die Autorin zieht eine stringente Grenze, "wo der Wunsch nach Befreiung, also frei zu sein von Unterdrückung, endet, und der Wunsch nach Freiheit, also ein politisches Leben zu führen, beginnt".


Die "negative Freiheit", also frei von Not und Furcht zu sein, bildet nach Arendt erst die Voraussetzung für "Die Freiheit, frei zu sein" (so der von Thoreau entlehnte Titel des Essays). Wirklich frei bedeutet demnach, gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilnehmen zu können.

Gern orientiert sich Arendt dabei am antiken Beispiel. Freilich: Dort war die Freiheit auf "die Privilegien athenischer und römischer Bürger" beschränkt, die ohne Herrn und materiellen Zwang imstande waren, sich "an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, mit denen die Freien der Antike so sehr befasst waren". Seit der Renaissance gehörte es zu den Leidenschaften der geistigen Elite, "sich mit der römischen Geschichte zu befassen", um "die geistigen wie institutionellen Lehren zurückzugewinnen, die in den Jahrhunderten einer streng christlichen Überlieferung verloren gegangen oder halb in Vergessenheit geraten waren". Ursprünglich wurde unter dem Begriff "Revolution" die Wiederherstellung früherer Verhältnisse verstanden: Englands "Glorious Revolution", die die Wiedereinsetzung des Königtums bekräftigte, war eine Restauration. Erst die Ereignisse von 1776 und 1789 änderten die Begrifflichkeit, wobei es Arendt bedauert, dass "die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen blieb, während die Französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir als revolutionäre Tradition bezeichnen".

Es hatte sich gezeigt, so Arendt, "dass die Befreiung von der Armut etwas anderes ist als die Befreiung von politischer Unterdrückung". Denn "ein gewaltsames Vorgehen gegen die sozialen Verhältnisse führte stets zu Terror". Dieser Terror, "der losbricht, nachdem das alte Regime beseitigt und das neue Regime installiert wurde, weiht Revolutionen dem Untergang oder deformiert sie so entscheidend, dass sie in Tyrannei und Despotismus abgleiten."

Was bleibt von Revolutionen?
Aus ihrer Skepsis gegenüber sozialen Revolutionen, gestützt auf die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, machte Arendt damals (1967) kein Hehl. Nur nahmen das die 68er-Brigaden in ihrem Furor, die sie umgebende Gesellschaft für "revolutionsreif" zu erklären, erst gar nicht wahr. Heute freilich ist, mindestens ebenso bombastisch, von einer "konservativen Revolution" die Rede. Kollektivbegriffe müssen misstrauisch machen. "Das Wort revolutionär", hielt Hannah Arendt fest, lässt sich "nur auf Revolutionen anwenden, die die Freiheit zum Ziel haben."

Die bedrohlichen Einschränkungen individueller Freiheit durch staatliche Überwachungspläne und die digitalen Medien in unserer Welt kannte Arendt noch gar nicht. Umso dringlicher bleibt ihr Appell zu Ende des Vortrags: "Wir können, so befürchte ich, allenfalls darauf hoffen, dass die Freiheit in einem politischen Sinn nicht wieder für weiß Gott wie viele Jahrhunderte von dieser Erde verschwindet."

Sachbuch

Die Freiheit, frei zu sein

Von Hannah Arendt

dtv. München, 2018,

66 Seiten, 8,30 Euro




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-19 16:54:20
Letzte Änderung am 2018-04-24 16:51:24


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Michel Houellebecq heiratet in aller Stille
  2. Zerfließende Welten
  3. 2063
Meistkommentiert
  1. Peinlicher Abklatsch
  2. Waren, die an Wert gewinnen
  3. Worin Stephan Schulmeister irrt

Werbung





Werbung