• vom 29.04.2018, 13:00 Uhr

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Franz Kafka und die AUVA




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Von Gerhard Strejcek

  • Vor 100 Jahren, am 2. Mai 1918, kehrte der Schriftsteller nach längerer Absenz auf seinen Beamtenposten bei der Versicherung zurück. Ein Blick auf seine diesbezügliche Karriere.

Kafkas Bewerbungsschreiben an die Versicherungsgesellschaft, vermutl. 1907. - © ullstein bild amw

Kafkas Bewerbungsschreiben an die Versicherungsgesellschaft, vermutl. 1907. © ullstein bild amw

Dr. Franz Kafka kehrte am 2. Mai 1918 nach achtmonatiger Absenz auf seinen Beamtenposten in der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt (AUVA) für das Königreich Böhmen zurück. Mäßig erholt, fuhr er mit der Eisenbahn aus dem Hopfenort Zürau nach Prag, damals noch böhmische Hauptstadt und sein "Mütterchen", das ihn beinahe lebenslang in den urbanen Klauen hielt.

Literarisch war er nur wenig produktiv gewesen, im Lehnstuhl hatte er ab und zu Aphorismen notiert. Kafka sinnierte über das Paradies und formulierte kryptische Sätze wie den folgenden: "Die Tatsache, dass es nur eine geistige Welt gibt, raubt uns die Hoffnung und gibt uns Gewissheit."

Freund Max Brod, sonst uneingeschränkter Bewunderer, sah die Zweizeiler als mageres Ergebnis des "Faulenzens", er empfand sich als Manager und Motivator für den schüchternen Freund. Kafkas TBC-Diagnose kannte er, aber einem Pakt der beiden entsprechend hielt er sie vor den Eltern geheim. Julie Kafka sollte lediglich wissen, dass ihr Sohn einen längeren Kuraufenthalt mit seiner Schwester in Nordböhmen genoss, wofür ihn die "Anstalt" frei gestellt hatte.

Kurzer Antrag



Kafkas Pensionsgesuch blieb der Familie unbekannt, der kurze Antrag zum langen Abschied wurde von der Direktion zunächst abschlägig beschieden. Biografen sind sich darüber einig, dass mit diesem Schreiben und dem Zürauer Aufenthalt die endgültige Ablösung Kafkas vom Dienst begann. Fünf Jahre nach der Nichtstattgabe seines ersten Antrags warf sein Arbeitgeber das Handtuch und pensionierte den verdienten Beamten vorzeitig im Alter von nur 39 Jahren.

Information

Literaturhinweis:

Gerhard Strejcek: Franz Kafka und die Unfallversicherung. Facultas Verlag 2006.

Kafkas Zürauer Aphorismen sind abgedruckt in: Franz Kafka, Nachgelassene Schriften und Fragmente II, hrsg. von Jost Schillemeit, S. Fischer, Frankfurt/Main 2002.

Gerhard Strejcek,
geboren 1963 in Wien, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Kafka war, seinem Naturell entsprechend, in Zürau körperlich nicht untätig geblieben, sondern beteiligte sich mit Interesse an der Landwirtschaft. Er lobte die stille Produktivität der Bauern, die ihm als nobel erschien. Eines Tages führte er eine Stute zum Hufschmied in den Nachbarort Flöhau. Schon in Troja, einem Vorort von Prag, und in Nusle, dem städtischen Gartenbezirk, hatte Kafka Spaten und Rechen zur Hand genommen, um in den Obstgärten zu arbeiten.

Da sich die Adressbücher der k.u.k. Monarchie erhalten haben, können die zahlreichen Gärtnerei-Betriebe heute noch abgerufen werden, darunter die Firma Dvorsky, bei der Kafka selbst bei Schlechtwetter seinen Nachmittagsdienst antrat. Wiederum wunderte sich Brod über diese Art der Energieverschwendung, welche Kafka auch im heißen Juni des Jahres 1918 fortsetzte, statt sich seiner literarischen Karriere zu widmen.

Brod, Felix Weltsch und andere Freunde hatten den Zürauer Bauernhof besucht, der einem Verwandten des Kafka-Schwagers Josef David gehörte. Der Autor selbst beriet seine Schwester Ottilie, die jüngste von dreien, die alle nur "Ottla" nannten, er holte Prospekte von "önologischen und pomologischen Anstalten" ein, damit die Schwester sich im Wein- und Obstbau fortbilden konnte.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-26 17:03:29
Letzte Änderung am 2018-04-26 17:48:27


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