• vom 29.04.2018, 13:00 Uhr

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Franz Kafka und die AUVA




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Franz Kafka, 1917.

Franz Kafka, 1917.© ullstein bild Franz Kafka, 1917.© ullstein bild

Als renommierteste derartige Anstalt in der "österreichischen" Reichshälfte erschien Kafka jene in Klosterneuburg, die er nachhaltig empfahl. Vor den Toren Wiens konnte auch ein Gasthörer binnen kurzem wichtige Kenntnisse erwerben. Kafka ahnte nicht, dass er selbst im Mai 1924 nicht weit von dieser Lehr-Anstalt seine letzten Gesprächszettel verfassen würde, weil er den höllisch brennenden und zersetzten Kehlkopf nicht mehr bewegen konnte.

Im Kriegsfrühjahr 1918 war der Zustand des Autors noch besser, es bestand kein Grund zur Besorgnis. Doch eine Infektion mit der "Spanischen Grippe" warf den Prager Beamten mehrere Wochen auf das Krankenbett und ließ den "Lungenspitzenkatarrh" wieder aufflammen. Obwohl Kafka die "Anstalt" für seine Krankheit mitverantwortlich machte und das "Bureau" mied, wann er nur konnte, verhielt sich sein Arbeitgeber loyal und fürsorglich. Wie hätte eine Paradeeinrichtung der sozialen Sicherheit ihre eigenen Mitarbeiter im Stich lassen können?

Loyalität zur Anstalt

Jetzt lohnte sich Kafkas Loyalität zur Anstalt. Nie hatte er gemurrt, wenn er zu sachfremden Tätigkeiten wie dem "Schönen" von Jahresberichten eingesetzt wurde, in denen davon die Rede war, dass sich die notorisch defizitäre Anstalt zu neuen Höhen aufschwingen würde. Sein Vorgesetzter, Oberinspektor Eugen Pfohl, dessen Tage bereits gezählt waren - er starb kurz nach seiner Zwangspensionierung im Folgejahr -, notierte am 4. Mai 1918 handschriftlich den Wiederantritt des Dienstes im Personalakt, ohne ein böses Wort zu verlieren.

Dass Kafka Urlaub gewährt worden war, verdankte er auch dem wohlmeinenden Direktor der "Anstalt", Universitätsdozent Dr. Robert Marschner, der Kafkas literarisches Talent kannte und schätzte. Marschner leitete die AUVA seit dem März 1909, nach genau zehn Jahren endete aber seine operative Tätigkeit, weil der nunmehr tschechisch dominierte Verwaltungsausschuss einen Landsmann, Dr. Bedřich Odstrčil nominierte und auch Pfohl durch Kafkas Kollegen Jindřich Valenta ersetzte. Aber auch diese beiden Beamten stützten ihren kranken Kollegen und verlängerten nach Bedarf seine Urlaube. Noch bestand die Hoffnung, dass sich der technisch und juristisch versierte Mitarbeiter erholen und in einen geordneten Dienstbetrieb zurückkehren würde. Kafka war zwar in Pfohls großer Betriebsabteilung und später (nach 1919) als Leiter einer "Einmann-Konzeptabteilung" nicht unentbehrlich, aber kaum jemand anderer verstand es, die Anliegen der AUVA nach außen zu vertreten.

Die Rolle der Anstalt, neben den Bezirkskrankenkassen eine Pioniereinrichtung der Sozialversicherung und wie diese "öffentlichrechtlich" organisiert, war keine einfache. Dr. Kafka musste mehr als einmal den Puffer zwischen aufgebrachten Unternehmern und der Anstaltsexekutive in den nordböhmischen Bezirken Reichenberg (Liberec) und Friedland spielen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-04-26 17:03:29
Letzte Änderung am 2018-04-26 17:48:27


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