• vom 04.05.2018, 16:59 Uhr

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Update: 04.05.2018, 17:06 Uhr

Literatur-Nobelpreis

"So eine Jury kann nicht funktionieren"




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Von Judith Belfkih

  • Der Nobelpreis für Literatur wird 2018 gar nicht, 2019 dafür doppelt vergeben.


© afp/Jonathan Nackstrand © afp/Jonathan Nackstrand

Stockholm/Wien. Was bisher nur den beiden Weltkriegen geschuldet war, hat nun auch die interne Vertrauenskrise in der Schwedischen Akademie nach sich gezogen: Erstmals seit knapp 70 Jahren wird 2018 kein Literaturnobelpreis verliehen werden. Im Folgejahr sollen dafür zwei Preisträger gekürt werden. Die Statuten des seit 1901 ausgelobten Preises decken diese Vorgehensweise. Zuletzt wurde der Nobelpreis 1940 bis 1943 wegen des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht vergeben, davor lediglich in den Jahren 1914, 1918 und 1935 nicht.

"Wir halten es für nötig, Zeit zu investieren, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wieder herzustellen, bevor der nächste Preisträger verkündet werden kann", erklärte der Interims-Vorsitzende der Akademie Anders Olsson am Freitag: "Die aktiven Mitglieder der Schwedischen Akademie sind sich vollkommen bewusst, dass die aktuelle Vertrauenskrise sie zu einer langen und energischen Reformarbeit verpflichtet."


Ernste Krise
Hintergrund dieser als historisch zu bezeichnenden Vorgehensweise ist ein Belästigungs- und Korruptionsskandal, der die Schwedische Akademie, die seit 1901 den Träger des Literaturnobelpreises auswählt, seit November 2017 immer nachhaltiger erschüttert. Man sei in einer ernsten Krise, teilte das traditionsbewusste Gremium noch Mitte April mit, auf die inhaltliche Arbeit hätte das jedoch keine Auswirkungen. Auch wenn das "Ansehen des Literaturnobelpreises" bereits "großen Schaden genommen" habe.

18 Frauen hatten dem Mann eines Akademiemitglieds - der angesehenen Lyrikerin Katarina Frostenson - sexuelle Belästigung vorgeworfen. Eine Untersuchung der Akademie bestätigte "inakzeptables Verhalten in Form von unerwünschter Intimität". Nach Berichten schwedischer Medien soll sich der Mann auch Kronprinzessin Victoria unangemessen angenähert haben. Außerdem soll seine Frau über Fördergelder für den eigenen Kulturverein mitentschieden haben. Mehrere Jurymitglieder legten nach Bekanntwerden dieser Vorwürfe ihre Arbeit nieder, weil sie nicht damit einverstanden waren, wie glimpflich das in der Kritik stehende Paar davonkommen sollte. Auch die ständige Sekretärin des Komitees, Sara Danius, musste in der Folge ihren Posten aufgeben - nach eigener Aussage auf Wunsch der Akademie.

Noch schlimmer dürfte für die Akademie allerdings sein, dass die Namen von sieben Nobelpreisträgern vorzeitig ausgeplaudert worden sein sollen - darunter 2016 auch der von Bob Dylan. Der Ruf der Nobelpreis-Hüter selbst stand also ebenfalls auf dem Spiel. Nach weiteren Rücktritten sind derzeit nur noch zehn der einst 18 Mitglieder aktiv. Das gefährde ernsthaft die Fähigkeiten der Akademie, "ihre wichtigen Aufgaben zu erfüllen", hatte das schwedische Königshaus erklärt. Mindestens zwölf Mitglieder sind nämlich nötig, um neue bestellen zu können - und das bisher auch nur, sofern ein Mitglied verstirbt. König Carl XVI. Gustaf rief die Mitglieder auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden und die Interessen des Gremiums in den Vordergrund zu stellen. Als ersten Schritt in diese Richtung änderte der König daraufhin die Statuten der Jury: Künftig sollen nicht nur die Sitze von zurückgetretenen Mitgliedern neu besetzt werden, sondern auch die von Mitgliedern, die zwei Jahre lang nicht aktiv mitgearbeitet haben. "Ich habe die Entwicklung in der Schwedischen Akademie in letzter Zeit mit großer Unruhe verfolgt", erklärte der Monarch. Jetzt müsse die

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-04 17:03:37
Letzte Änderung am 2018-05-04 17:06:36


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