• vom 11.05.2018, 08:00 Uhr

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Von Clemens Marschall

  • Freitagabend präsentiert jopa jotakin seine Lese-Performance "keine kochrezepte" im Wiener Kulturverein Einbaumöbel.

Gehaltvolle Nahrung: jopa jotakin.

Gehaltvolle Nahrung: jopa jotakin.© Andrea Knabl Gehaltvolle Nahrung: jopa jotakin.© Andrea Knabl

Wien. "jopa jotakin kam in einer stürmischen herbstnacht des jahres 1986 schlafend zur welt. kann finnisch und dada", so die Selbstdarstellung des auf Kleinschreibung bestehenden jopa jotakin: "jopa macht seine texte unter vollem einsatz seines stattlichen körpers erlebbar - laut und deutlich. trinkt bier. prinzessin & hausfrau." jopa jotakin ist einer der originellsten Köpfe der hiesigen Literatur- und Performance-Szene Seit 2004 tritt er mit seinen Texten an die Öffentlichkeit und führt sich - im wahrsten Sinne des Wortes - auf.

Seine Lesungen sind intensiv und meist kurz, einzelne Silben werden in Maschinengewehrsalven geschrien und gestottert; in hochleistungssportlicher Onomatopoesie quält er sich über Wortteile und landet im Spannungsfeld zwischen dadaistischen Operneinlagen, Ernst Jandl auf Trash und wildem Hühnergackern. Am 7. Mai hat die gemeinsam von jotakin und der Künstlerin Andrea Knabl gestaltete und essbare (!) Ausstellung "augenschmaus - all you can eat?!" in der Wiener Galerie Blumentopf eröffnet - mit einem ungenießbaren Buffet, so jotakin beim Interview im Café Siebenbrunnen: "Wir wollten alles sehr ungemütlich gestalten und haben auch Sesseln gemacht, auf die man sich nicht draufsetzen kann, weil Nägel rausstehen oder Glasscherben drauf liegen."


Zerlegung von Floskeln
jotakin gefällt es, übliche Floskeln und Gepflogenheiten durch Zerlegung in ihre Gegensätze umzudeuten. Nach der Ausstellungs-Vernissage beziehungsweise "Anknabberung" folgt heute Abend die "Midissage", gefolgt von einer Lesung aus jotakins Serie "keine kochrezepte" im Einbaumöbel. Der Name ist Programm. Eine kleine Kostprobe? Voilà, aus "gebackene mäuse": "musste mensch früher für die herstellung gebackener mäuse noch umständlich auf mäusejagd gehen, werden heutzutage in der regel computermäuse verwendet. aus mehl, dotter, butter, zucker und germ wird ein sehr weicher germteig bereitet. (...) dabei hält mensch sie am kabel, nach altem rezept an den schwänzen fest (funkmäuse sind ungeeignet, da sich das infrarot oder bluetooth signal schlecht fassen lässt). anschließend werden sie in heißem fett gebacken, bis sie nicht mehr klicken oder piepsen. sie werden zum abtropfen auf ein mousepad gelegt und anschließend heiß mit fruchtsaft serviert. in der kapitalismusvariante werden statt der mäuse kröten, bzw. bündel mit geldscheinen verwendet, die in eine mischung aus dem germteig und flüssigem gold getaucht und so lange in heißem erdöl gebacken werden, bis sie nicht mehr piepen und zu kohle werden. umgangssprachlich wird dieses gericht daher auch schwarzgeld genannt. es hält sich am besten in anonymen bankschließfächern. in der punkvariante werden statt der mäuse ratten verwendet und statt dem teig rum. die ratten werden auf die schulter gesetzt, der rum wird getrunken."

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Schlagwörter

Kultur, Literatur, Performance

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-10 16:18:45
Letzte Änderung am 2018-05-10 16:48:43


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