• vom 15.05.2018, 21:26 Uhr

Autoren


Nachruf

Die Welt als Spiel und Vorstellung




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Pop-Journalist, Bestseller-Autor, Dandy des Literaturbetriebs: Der US-Autor Tom Wolfe ist gestorben.

Tom Wolfe, Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, ist gestorben.

Tom Wolfe, Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, ist gestorben.© ap Tom Wolfe, Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, ist gestorben.© ap

(pat) Er war der Dandy unter den Schriftstellern - weißer Maßanzug, Krawatte und Hut waren bis ins hohe Alter seine Markenzeichen. Bierernste Kollegen und manche Kritiker nahmen ihm diese Exaltiertheit übel. Auch um sein Alter machte er gern ein Geheimnis. Während der deutsche Verlag 1931 als Geburtsjahr angab, sprachen andere Quellen von 1930. Der US-Autor Tom Wolfe hat schon immer gern polarisiert.

Millionenfach verkaufte und erfolgreich verfilmte Bücher auf der einen Seite - spätestens seit "Fegefeuer der Eitelkeiten" war der Autor im Literatur-Olymp angekommen -, scharfe Kritik des literarischen Establishments auf der anderen.

"Massenunterhaltung" sahen Größen der amerikanischen Literatur wie Norman Mailer und John Updike in seinen Werken, John Irving lästerte über die "Geschwätzigkeit" seines Kollegen. Auch Literaturkritiker zeigten sich gespalten.

An seinem Status als "erster Pop-Journalist" ("Guardian") und zumindest Miterfinder des "New Journalism", der Literarisches und Nichtfiktionales mischt, wurde indes nicht gerüttelt. Wolfe galt als Gesellschafts- und Zeitdiagnostiker, der für jedes Jahrzehnt das passende literarische Sittengemälde lieferte.

Am Beginn seiner Laufbahn, in den 1960er Jahren, gehörte Wolfe bekanntlich zu jenen Autoren, die mit literarischen Reportagen das Genre revolutionierten, damals war er Liebkind der Intellektuellen. Mit seinen Geschichten über die Beatles, Muhammad Ali, Männer auf dem Mond und andere Neuheiten des Popzeitalters setzte er Maßstäbe.

Aber seit er es wagte, unter dem Titel "Fegefeuer der Eitelkeiten" seinen ersten Roman zu schreiben, wurde er von seinen einstigen Befürwortern gern kritisiert. Dass das Buch ein Weltbestseller und von Hollywood verfilmt wurde, machte die Sache nicht besser. Das Werk über die Geldgier von Wall-Street-Bankern und Kredithaien erschien Mitte der 80er Jahre zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift "Rolling Stone".

Der größte Spaß
Wolfes Bücher wie "Ein ganzer Kerl" und der Campus-Roman "Ich bin Charlotte Simmons" erzielten Millionenauflagen, zahlreiche Reportagen und Essays sind erschienen. In einem seiner letzten Bücher, "Back to Blood", nahm Wolfe die ethnischen Konfliktzonen ins Visier, die Verteilungskämpfe zwischen Haitianern, Kubanern und Afroamerikanern.

Die Selbstzweifel seien geblieben, sagte der zweifache Vater Wolfe, der mit seiner Frau im 14. Stock eines eleganten Appartementhauses direkt am Central Park wohnte. "Man geht jeden Abend ins Bett und denkt, dass man die brillantesten Seiten aller Zeiten geschrieben hat, und am nächsten Tag merkst du, dass es nur Gefasel ist. Manchmal auch erst sechs Monate später. Das ist eine konstante Gefahr." Trotzdem sei ihm die Lust an seinem Job nie vergangen, sagte er einmal in einem Interview. "Der größte Spaß am Schreiben ist das Entdecken."

In den vergangenen Jahren zog sich der streitbare Autor zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb der US-Autor am Montag im Alter von 87 Jahren oder vielmehr 88? Eine Ära wird zu Grabe getragen.




Schlagwörter

Nachruf, Tom Wolfe

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-15 21:30:48