• vom 21.05.2018, 16:52 Uhr

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Update: 21.05.2018, 17:02 Uhr

Buchkritik

Wo bleibt das Gegenkollektiv?




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Von Christian Ortner

  • Der Bestsellerautor Hamed Abdel-Samad hat untersucht, warum Integration oft so schwierig ist.

"Wir haben viele Integrationsangebote, aber keine Integrationsgebote", schreibt Hamed Abdel-Samad. "Es fehlt an Entschlossenheit, um die Parallelstrukturen zu zerschlagen". - © fotolia/Kara

"Wir haben viele Integrationsangebote, aber keine Integrationsgebote", schreibt Hamed Abdel-Samad. "Es fehlt an Entschlossenheit, um die Parallelstrukturen zu zerschlagen". © fotolia/Kara

Wann immer er irgendwo öffentlich auftritt, sei es bei einer Lesung, einer Diskussion oder einem Vortrag, wird er von mindestens sechs Bodyguards beschützt; Wege in einer Stadt darf er nur im Konvoi zweier schwer gepanzerter Limousinen des deutschen Staatsschutzes zurücklegen. Dabei ist der Mann kein israelischer oder US-amerikanischer Spitzenpolitiker, sondern ein völlig harmloser Schriftsteller.

Doch gegen Hamed Abdel-Samad gibt es ernsthafte Morddrohungen aus dem islamistischen Milieu, seit er 2013 in seinem Buch "Der islamische Faschismus" ganz erstaunliche Parallelen zwischen dem politischen Islam und der totalitären europäischen Ideologie analysiert hat. Damit war ihm zwar ein viel diskutierter Bestseller gelungen; doch in der Folge riefen gleich mehrere islamische Geistliche dazu auf, ihn vom Leben zum Tode zu befördern, um seinen Frevel zu sühnen. Seither also Personenschutz, rund um die Uhr.


Keine Erfolgsgeschichte
Zur Entspannung der Lage dürfte sein soeben erschienenes Buch "Integration - Ein Protokoll des Scheiterns" eher wenig beitragen. Er geht darin der für das Gelingen der europäischen Gesellschaften zentralen Frage nach, ob die Integration von Muslimen in den letzten Jahrzehnten gelungen ist oder nicht - und was wir daraus für die Zukunft schließen können.

Seine Diagnose ist, wie der Buchtitel schon nahelegt, wenig optimistisch. "Unser Bildungssystem hat versagt, wenn es die Kinder der Zuwanderer nicht zu deutschen Staatsbürgern, sondern zu Erdogan-Anhänger macht," schreibt er. "Nach all den Bemühungen, Konferenzen und Integrationsprojekten sind vor allem der politische Islam und die Kultur des Patriarchats gut in Deutschland integriert, und das mit staatlicher und kirchlicher Unterstützung." Sein pessimistischer Schluss: "Ja, viele Muslime haben sich durch individuelle Leistungen gut integriert, und ja, die deutsche Nationalmannschaft ist bunter geworden, und der türkische Gemüsehändler von der Ecke ist ganz nett. Alles schön und gut, aber insgesamt ist die Zuwanderung aus muslimischen Ländern in Deutschland und in Europa keine Erfolgsgeschichte."

Der in Ägypten als Moslem geborene Autor hält den Islam und an ihn angedockte kulturelle Eigenheiten für ein ganz erhebliches Integrationshindernis. Denn Integration bedeute vor allem, die Werte der Gastgesellschaft anzunehmen, doch das "scheint vor allem Menschen mit muslimischem Hintergrund schwerzufallen". Gerade der Islam eigne sich wenig, seinen Anhängern Symbiosen mit westlichen Werten zu gestatten: "Die kulturelle Integration der Muslime ist gescheitert, weil der Islam sich als die bessere Alternative zum Westen sieht." Besonders dort, wo muslimische Communities relativ homogene Wohnviertel bilden und Parallelgesellschaften entstanden sind.

Fehlt an Entschlossenheit
Dort, argumentiert der Autor, sei die gegenseitige soziale Kontrolle dermaßen stark, dass junge Menschen keine Chance hätten, sich wie Deutsche oder Österreicher zu benehmen; ganz besonders junge Frauen: "Wir haben viele Integrationsangebote, aber keine Integrationsgebote. Es fehlt an Entschlossenheit, um die Parallelstrukturen zu zerschlagen".

Einen aufklärerischen Trend gegen diese kollektiven Zwänge sieht er, wohl zurecht, weit und breit nicht: "Leider hat sich unter den Muslimen noch kein Gegenkollektiv gebildet, das Freiheit nicht nur toleriert, sondern auch zelebriert. Der freie Muslim ist nach wie vor ein Einzelkämpfer, der nicht nur für seine Freiheit kämpfen, sondern sich dafür bei vielen sogar entschuldigen muss." Die häufig geäußerte These, wonach der Familiennachzug der Integration dienlich sei, widerspricht er: "Denn der Mann, der allein nach Deutschland kommt, ist oft neugierig und flexibel und der Freiheit nicht unbedingt abgeneigt. Kommen Frau und Kind, ist dieser Migrant auf die islamische Infrastruktur angewiesen und sucht Schutz im migrantischen Kollektiv. Ist das Kind eine Tochter, wächst die Angst, dass sie bald einen Deutschen kennenlernt und Sex vor der Ehe hat. Eine Horrorvorstellung für jeden muslimischen Vater. Auch daran scheitert die Integration, denn man kann sich nicht mit einer Gesellschaft identifizieren, die man moralisch verachtet."

Auf die Dienste seiner Personenschützer wird Herr Abdel-Samad da wohl noch länger nicht verzichten können.

Sachbuch

Integration: Ein Protokoll
des Scheiterns

Hamed Abdel-Samad

Droemer ET, 2018

272 S, 19,99 Euro




Schlagwörter

Buchkritik, Hamed Abdel-Samad

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-21 16:57:55
Letzte Änderung am 2018-05-21 17:02:17


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