• vom 23.05.2018, 13:34 Uhr

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Update: 23.05.2018, 15:15 Uhr

Philip Roth

Vergnügen des Zusammenbrauens




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Von Christina Böck

  • Er war ein Chronist der jüdischen USA und des sexuellen Berserkertums: Schriftsteller Philip Roth ist gestorben.

Von nicht wenigen Stimmen wurde Roth bereits zu Lebzeiten als "größter Schriftsteller unserer Zeit" gefeiert. - © APAweb, Reuters, Eric Thayer

Von nicht wenigen Stimmen wurde Roth bereits zu Lebzeiten als "größter Schriftsteller unserer Zeit" gefeiert. © APAweb, Reuters, Eric Thayer

"Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei." Das hatte sich Philip Roth schon vor sechs Jahren auf ein Post-it geschrieben und auf seinen Computer geklebt. Da hat er seine Karriere als Romancier beendet. In einem Interview danach hat er, damals 84, von den Kämpfen und Freuden des Alters berichtet: "Ich schlafe lächelnd ein, weil ich noch einen Tag erlebt habe. Und dann kommt das Erstaunen nach acht Stunden: ,Ich habe wieder eine Nacht überlebt‘, denke ich und lächle wieder." Am Dienstag ist Philip Roth, einer der wichtigsten Schriftsteller der USA, nicht mehr aufgewacht.

Obwohl der 85-Jährige seit Jahren nicht mehr geschrieben hat, ist er doch zuletzt Trump-bedingt fast prophetenhaft zu Rate gezogen worden - ähnlich wie seine kanadische Kollegin Margaret Atwood. Beide haben sie Romane geschrieben, die Weltgeschichtebeobachter an aktuelle Entwicklungen erinnert haben. Atwood mit ihrer Frauen-Apokalypse "Bericht einer Magd" und Roth mit "Verschwörung gegen Amerika". In dieser Alternativhistorie begründet Charles Lindbergh, der als antisemitischer Gegenpart statt Roosevelt Präsident wird, eine totalitäre faschistische Diktatur von Hitlers Gnaden in den USA. Die "New York Times" ergatterte eins der überaus seltenen Interviews mit Roth heuer im Jänner. Und er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, was den aktuellen Präsidenten der USA betrifft: Donald Trump sei "ein großer Betrüger, die üble Summe all seiner Unzulänglichkeiten, frei von allem außer der leeren Ideologie eines Größenwahnsinnigen". Für Roth war das ungewöhnlich, eigentlich verwehrte er sich dagegen, dass seine Werke einer Aktualitätsdeutung zugeführt werden, er wollte auch kein die Zeitgeschichte interpretierender Intellektueller sein. Auch aus einem gewissen Sinn für Realismus, den er über seine Heimat empfand: "Hier würde niemand auch nur dreißig Sekunden hinhören, was ein Schriftsteller zu sagen hat."

Von Busen und Preisen

Am 19. März 1933 wurde Roth in Newark, New Jersey, geboren und wuchs dort auch auf. Die Welt und das Milieu dieser New Yorker Vorstadt finden sich auch in diversen Romanen von Roth wieder. Schon bald zog er sich den Zorn konservativer Juden zu, weil er mit sarkastischer Akribie den jüdischen Mittelstand durchleuchtete. Auch wenn es seinen Kritikern nicht passte, kann Roth doch als einer der Schriftsteller gelten, der jüdisches Leben und Jüdisch-Sein in den USA am eindrücklichsten vermittelte. Skandalträchtig war auch seine Lust an der literarischen Erkundung der so erquicklichen wie zerstörerischen (männlichen) Sexualität. Immerhin erfand er zum Beispiel eine Figur, die sich, frei nach Kafkas Gregor Samsa, in einen riesigen Busen verwandelt.




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Schlagwörter

Philip Roth, Nachruf, Literatur, USA

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Dokument erstellt am 2018-05-23 13:40:06
Letzte Änderung am 2018-05-23 15:15:31


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