• vom 11.06.2018, 16:09 Uhr

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Update: 11.06.2018, 16:23 Uhr

Religion

Religionen machtlos halten




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Von Heiner Boberski

  • Neue Sachbücher beleuchten die Skandal-Geschichte des Christentums und den "Staat ohne Gott".

Kreuz im Klassenzimmer: eine der Streitfragen in Hinblick auf die religiöse Neutralität von Staaten. - © dpa

Kreuz im Klassenzimmer: eine der Streitfragen in Hinblick auf die religiöse Neutralität von Staaten. © dpa

"Das Christentum ist die unbekannteste Religion der westlichen Welt. Das liegt nicht an einem Mangel an Informationen, sondern im Gegenteil an einer Überfülle an Informationen. Allerdings haben diese Informationen gewöhnlich eine merkwürdige Eigenart: Sie sind grotesk falsch." Mit diesen provokanten Sätzen beginnt der Bestsellerautor Manfred Lütz, Mediziner und Theologe, sein neues Buch "Der Skandal der Skandale". Dieser Skandal besteht für ihn darin, dass viele Vorwürfe, die dem Christentum gemacht werden, überhaupt nicht zutreffen, aber Wirkung zeigen: "Diese Falschinformationen haben das Christentum in seinem Kern nachhaltig erschüttert und absolut unglaubwürdig gemacht."

Lütz verweist auf die Darstellung der Geschichte des Christentums als Geschichte der Skandale, wie sie der Philosoph Herbert Schnädelbach in seinem Buch "Der Fluch des Christentums" (2000) vorgenommen habe. Dabei sei dem Kirchenhistoriker Arnold Angenendt mit seinem Werk "Toleranz und Gewalt - Das Christentum zwischen Bibel und Schwert" (2007) eine fundierte Gegendarstellung gelungen, für die sich Schnädelbach bedankt und mit Korrekturen reagiert habe. Lütz will Angenendts Studie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen: "Solche Aufklärung ist deswegen dringend nötig, weil der Wegfall des Christentums als verbindende Kraft die ganze Gesellschaft in eine schwere Krise gestürzt hat. Von Linksaußen bis Rechtsaußen wird das unumwunden zugegeben." Lütz liefert einen rasanten Streifzug durch die Geschichte, der viele dem Christentum angelastete Skandale relativiert und ein neues Licht auf etliche historische Ereignisse wirft. Unbestritten bleibt aber noch ein recht ansehnliches Sündenregister. So hält das viel beachtete Schuldbekenntnis von Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000 unter anderem deutlich fest, "dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen". Was sagt das populärwissenschaftliche Lütz-Buch aus? Das Christentum wurde zur Legitimierung privater, wirtschaftlicher und politischer Interessen eingesetzt, es lehrt aber im Grunde etwas ganz anderes. Die Verbindung von Religion und Macht - das ist gefährlich.

Information

Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums
Manfred Lütz Herder Verlag
286 Seiten, 22,70 Euro

Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne
Horst Dreier C.H. Beck Verlag
256 Seiten, 27,80 Euro

Weltanschaulich
neutrale Staaten

In die Gegenwart dieser Thematik führt das Buch "Staat ohne Gott" des Würzburger Rechtsphilosophen Horst Dreier. Es ist weit wissenschaftlicher aufgebaut, mit vielen Fußnoten und einer langen Bibliographie, und dadurch schwerer lesbar. Dreier betont, dass sich der moderne demokratische Staat mit keiner Religion identifizieren darf. Er beruhe auf keinem Gottesgnadentum oder einer metaphysischen Idee, sondern auf dem Prinzip der Volkssouveränität, wie es die berühmten ersten drei Worte der US-Verfassung von 1787 zum Ausdruck bringen: "We the people." Ausdrücklich stellt Dreier klar: ",Staat ohne Gott‘ heißt nicht: Welt ohne Gott, auch nicht: Gesellschaft ohne Gott, und schon gar nicht: Mensch ohne Gott." Der Autor fordert, dass die Bürger Religionsfreiheit genießen, während sich der Staat weltanschaulich neutral verhält, da ihm zur Beantwortung der absoluten Wahrheitsfrage "schlicht die Kompetenz fehlt".

Dass diese staatliche Neutralität durch viele Streitfragen vom Kopftuch bis zum Kruzifix in Schulklassen immer wieder auf die Probe gestellt wird, verschweigt Dreier nicht. Das letzte Kapitel widmet er einem immer wieder diskutierten Diktum, das er als Problemanzeige und Weckruf interpretiert. Es stammt von dem Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde und lautet: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Die Frage bleibt, was den Staat im Innersten zusammenhält, woher er letztlich seine Werte nimmt.





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Dokument erstellt am 2018-06-11 16:16:20
Letzte Änderung am 2018-06-11 16:23:13


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