• vom 29.06.2018, 19:17 Uhr

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Update: 29.06.2018, 19:53 Uhr

Nina Verheyen

Sozial abgefederte Leistungsnormen




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Von Hans Pechar

  • Nina Verheyens aufschlussreiche Studie über "Die Erfindung der Leistung".

Was macht uns zu einer Leistungsgesellschaft? In erster Linie der Umstand, dass Ungleichheiten nur dann als gerechtfertigt gelten, wenn sie auf Leistungsunterschieden beruhen. Natürlich wissen wir, dass dieser Anspruch höchst unvollkommen eingelöst wird, dass Faktoren wie Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe Schicksale bestimmen. Aber nur eigene Verdienste verleihen sozialen Ungleichheiten heute wirkliche Legitimität.

Seit wann sich dieses Legitimationsmuster durchgesetzt hat, untersucht Nina Verheyens Studie über die "Erfindung der Leistung". Fündig wird sie in den Diskursen des späten 19. Jahrhunderts, die den Leistungsvergleich, der bis dahin überwiegend innerhalb abgegrenzter Statusgruppen stattgefunden hat, in ein verallgemeinertes Kriterium der Zuweisung sozialer Positionen verwandelt haben. Auch die Ritter des Mittelalters haben Turniere abgehalten, aber sie haben sich nur mit ihresgleichen geschlagen. Doch im 19. Jahrhunderts etabliert sich ein zunehmend intensivierter und potenziell alle Mitglieder der Gesellschaft umfassender Leistungswettbewerb, der die sozialen Hierarchien verflüssigt, Aufstiegschancen schafft, dabei aber auch psychische Belastungen neuer Art produziert.

Information

Die Erfindung der Leistung

Nina Verheyen

Hanser, 256 Seiten, 23 Euro

Ambitionen und Tatkraft

Verheyens Buch ist eine erhellende Diskussion der Dialektik dieses Prozesses, ein Plädoyer für einen differenzierten Umgang mit diesen Begriff. Neben den Widersprüchen und Grenzen der Leistungsideologie gilt es auch die sozialen Gewinne einer Gesellschaft zu erkennen, in der nicht Herkunft, sondern der eigene Verdienst das wichtigste Kriterium der Statuszuweisung ist.

Diese Ambivalenz verdeutlicht Verheyen an der Figur des "Strebers" und den semantischen Verschiebungen dieses Begriffs. Ursprünglich positiv besetzt und auf Ambition und Tatkraft verweisend, wird er ab der Mitte des 19. Jahrhunderts abwertend konnotiert. Der Streber wird nun zu einem Karrieristen, der sich mit zwielichtigen Mitteln gegen die Konkurrenz durchsetzen will. Verheyen zeigt, dass es sich dabei auch um Abwehrstrategien der Etablierten handelt. Diese wollen die wachsende Zahl der Aufsteiger, die vor allem über das Bildungswesen nach oben drängen, auf Distanz halten.

Nina Verheyen schlägt sich weder auf die Seite der Enthusiasten noch der Verweigerer des Leistungsprinzips. Ein um eine soziale Dimension erweitertes Leistungsverständnis - so ihr Plädoyer - müsse als normativer Bezugspunkt erhalten werden, anders seien durchlässige Karrierewege für alle nicht denkbar.





Schlagwörter

Nina Verheyen, Leistung, Sachbuch

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-29 16:22:39
Letzte Änderung am 2018-06-29 19:53:25


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