• vom 03.07.2018, 08:00 Uhr

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Sachbuch

Der kristalline Kältetod der Perfektion




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Von Judith Belfkih

  • Richard David Precht skizziert in seinem jüngsten Buch eine positive Zukunftsvision der digitalen Gesellschaft.

Die Roboter arbeiten - die Menschen genießen: noch ein utopisches Modell. - © fotolia/Nataliya Hora

Die Roboter arbeiten - die Menschen genießen: noch ein utopisches Modell. © fotolia/Nataliya Hora

Arbeit durch Werkzeuge zu vereinfachen und in weiterer Folge an Maschinen delegieren, um selbst davon befreit zu sein: Dieser Leitgedanke hat so gut wie jede technische Errungenschaft der Menschheit motiviert - vom Steinkeil über das Fließband bis zum Computer. Heute, an der Schwelle zum digitalen Zeitalter, hat der Mensch erstmals die realistische Chance, einen Großteil der ungeliebten Tätigkeiten an Maschinen abzugeben - um sich auf die schönen Seiten des Lebens in Müßiggang oder purer Freude zu konzentrieren. "Der Mensch als freier Gestalter seines Lebens", nennt Philosoph Richard David Precht seine auf diesem Gedanken aufbauende Vision einer "humanen digitalen Utopie".

Ein Blick in die Gegenwart zeigt freilich: Bislang hat die Digitalisierung den Menschen eher unfrei gemacht. Automatisierung ist längst kein Heilsversprechen mehr, im Gegenteil: Sie schwebt als dunkle Drohung der absoluten Überwachung, Entmündigung und Versklavung durch die Maschine über der Menschheit. "Die Digitalisierung ändert alles. Wer ändert die Digitalisierung?" Die Zukunft kommt nicht einfach daher - sie wird von uns gemacht, stellt Precht als weitere Basis unter seine Überlegungen. In "Jäger, Hirten, Kritiker" lenkt er den Blick daher auf die nur vermeintlichen Nebenschauplätze der Digitalisierung. Liegt der Fokus der öffentlichen, vor allem politischen Debatte bisher auf dem Bereich Arbeit, legt Precht einen ganzheitlichen utopischen Lebensentwurf vor.

Information

Sachbuch

Jäger, Hirten, Kritiker -
Eine Utopie für die
digitale Gesellschaft

Richard David Precht

Goldmann, 288 Seiten, 20 Euro

Verlust von Erwerbsarbeit als psychologisches Problem

Prechts Buch ist ein Plädoyer dafür, die digitalen Werkzeuge nicht nur aus dem Blickwinkel des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu sehen, sondern als "Chance zu einem guten Gesellschaftsmodell". Eine Aufgabe für die Politik, wie Precht attestiert, die sich aktuell "in der Gegenwart verzettelt" und Veränderungen eher abwehre, anstatt Zukunft aktiv zu gestalten.

Vor die Utopie setzt der Philosoph ein dystopisches Szenario: "Unser Leben kann nicht mehr nicht gelingen. Google, Facebook und Co haben uns von der Diktatur der Freiheit befreit." Precht zeichnet ein unfallfreies Leben, in dem Überwachung und Technik alle Risiken ausgeräumt haben - vom Ende des Verbrechens bis zur neuen Niere aus dem 3D-Drucker. Die Postdemokratie hat sich durchgesetzt, Politik besteht aus simulierenden Marionetten, im Hintergrund entscheiden Technokraten. Menschen haben die einfachsten (Kultur-)Techniken verlernt, kommunizieren durch steinzeitliche Piktogramme. Frei von Urteilskraft, lässt sich ihnen - überwacht und sorgenfrei - das Geld leicht entlocken.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-02 16:25:45
Letzte Änderung am 2018-07-02 19:21:08


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