• vom 06.07.2018, 16:32 Uhr

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Provokation, Stakkato und Meeresfrösche




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  • Die Bachmann-Preise werden am Sonntag vergeben. Tanja Maljartschuk und Bov Bjerg dürfen sich Hoffnungen machen.

Corinna T. Sievers’ Text wurde als "Männerfantasie" abqualifiziert. - © apa/Eggenberger

Corinna T. Sievers’ Text wurde als "Männerfantasie" abqualifiziert. © apa/Eggenberger

Klagenfurt. Der zweite Lesetag beim Bachmann-Wettbewerb begann am Freitag mit einem Besuch beim Zahnarzt. In ihrem Text "Der Nächste, bitte!" ließ Corinna T. Sievers eine erotomane Zahnärztin ihrer Obsession nachgehen. Sex am Behandlungsstuhl, das war neu für die Tage der deutschsprachigen Literatur. Und der Jury doch zu wenig radikal.

Besonders pikant an Sievers’ Text ist der Umstand, dass die Autorin als Kieferorthopädin arbeitet. In ihrem Beruf sei sie sehr angepasst, sagte sie einmal in einem Interview. "Das heißt aber auch, dass ich alles Wilde und Unartige nicht ausleben darf. Ich glaube daher, dass ich alles, was ich nicht sein darf, in meine Figuren lege und mich dort austobe und auch etwas verarbeite." Entsprechend ätzte Juror Klaus Kastberger: "Ich habe mich gefragt, was am Montag in Ihrer Praxis los sein wird", und befand: "Es ist ein hausbackener Text." Mehrheitlich warf die Jury ausgerechnet diesem Text mangelnde Radikalität vor, ein Umstand, der nicht nur Juror Hubert Winkels belustigte. Doch auch Winkels gab zu: "Er ist nicht radikal, sondern well-made." "Mir ist der Text bei weitem nicht radikal genug, inhaltlich wie sprachlich", sagte auch Hildegard E. Keller: "Der Text bleibt stecken in der Pose der Provokation."


Mit ihrem stakkatoartigen Vortrag brachte anschließend die 1984 geborene Berlinerin Ally Klein viel Schwung in den Saal: Sie trug einen Auszug aus ihrem am 10. August im Grazer Droschl Verlag erscheinenden Debütroman "Carter" vor. Ihr Text erhielt mehrheitlich Lob, nur Hubert Winkels fand ihre Arbeit "in der Durchführung ein bisschen öde". Insa Wilke ortete viele falsche Bilder und Ungenauigkeiten.

Den Vormittag beschloss die seit 2011 in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die seit 2014 auch in deutscher Sprache schreibt. In ihrem Text "Frösche im Meer" geht es um den Migranten und Hilfsarbeiter Petro, der sich mit einer dementen alten Frau anfreundet.

Endlich Literatur
"Gut gemacht. Wir sind erleichtert. Endlich Literatur", eröffnete Nora Gomringer die Jurydiskussion. Stefan Gmünder, der Maljartschuk eingeladen hatte, fand den Text "sehr schön und wahnsinnig gut gemacht". Michael Wiederstein zeigte sich ebenfalls "ganz erleichtert, dass wir endlich eine richtige Geschichte haben". Kleine Einwände gab es gegen das Ende, das zum Teil als aufgesetzt empfunden wurde.

Der deutsche Autor Bov Bjerg eröffnete mit seinem Text "Serpentinen" den Nachmittag des zweiten Lesetages. "Um was geht es?", lautet der leitmotivische Stehsatz von Bjergs Vater-Sohn-Geschichte, die gleichzeitig ein Road-Story ist, aber auch in die von Selbstmorden geprägte Familiengeschichte und in den Untergrund führt - von Fossilien ist ebenso die Rede wie von Tunnels und Höhlen. Er darf sich nach positiven Jury-Reaktionen durchaus Chancen ausrechnen. Nicht ganz so viele Fans fand zum Abschluss Anselm Neft, der ausgerechnet an seinem 45. Geburtstag las.

Am Samstag komplettieren schließlich der Deutsche Jakob Nolte, sein Landsmann Stephan Groetzner und die in Solingen geborene und von den Veranstaltern als Türkin geführte Autorin Özlem Özgül Dündar das Feld der 14 Lesenden, das vom Deutschen Lennardt Loß abgeschlossen wird. Am Sonntag werden dann die Bachmann-Preise verliehen.




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Literatur, Bachmann

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Dokument erstellt am 2018-07-06 16:37:52


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