• vom 13.07.2018, 17:27 Uhr

Autoren

Update: 13.07.2018, 18:50 Uhr

Literatur

Aufmüpfig, nicht getröstet!




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (65)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Sie hat Generationen von Kindern ermutigt: Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist tot.

Christine Nöstlinger, eine Ikone der österreichischen Literatur, starb 81-jährig in Wien.  - © APAweb / Georg Hochmuth

Christine Nöstlinger, eine Ikone der österreichischen Literatur, starb 81-jährig in Wien.  © APAweb / Georg Hochmuth

Wien. "Speziell kinderlieb", sei sie nicht, versicherte Christine Nöstlinger immer wieder. Manche Kinder seien ihr geradezu unsympathisch. Ein Umstand, der sie auf den ersten Blick als Kinderbuchautorin zu disqualifizieren schien. Auf den zweiten machte jedoch genau das ihre wahre Qualifikation aus: dass sie Kinder ernst nahm, ihnen keine Glocke der kollektiven Lieblichkeit überstülpte. Ihnen auf Augenhöhe begegnen - das konnte sie nur, weil sie sie nicht vorauseilend lieb hatte.

Aus dieser aufrichtigen literarischen Begegnung mit Kindern heraus wurde Christine Nöstlinger zur bedeutendsten Kinderbuchautorin Österreichs, die Generationen von Kindern beim Heranwachsen begleitet, unterhalten, ermutigt und leise ermahnt hat. Doch ihre Bücher waren stets mehr als Kinderliteratur - mit ein Grund für ihren Erfolg, denn auch vorlesende Eltern konnten und können zu ihren Figuren und Geschichten stets neue Zugänge entdecken. Vor einigen Tagen ist Christine Nöstlinger mit 81 Jahren verstorben, wie am Freitag bekannt wurde.

Information

Wichtigste Bücher

Christine Nöstlinger veröffentlichte mehr als 100 Bücher darunter "Die feuerrote Friederike" (1970), "Die Kinder aus dem Kinderkeller" (1971), "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" (1972), "Maikäfer, flieg" (1973), "Achtung, Vranek sieht ganz harmlos aus" (1974), "Rosa Riedl Schutzgespenst" (1979), "Zwei Wochen im Mai" (1981), "Anna und die Wut" (1990) oder "Villa Henriette" (1996), "Pudding-Pauli rührt um" (2009) oder auch die "Dani Dachs"- Serie (ab 2001). Zu ihren Texten für Erwachsene zählen die Dialekt-Gedichtbände "Iba de gaunz oaman Kinda" (1974), "Iba de gaunz oaman Fraun" (1982) und "Iba de gaunz oaman Mauna" (1987). An Sachbüchern erschien etwa "Ein Hund kam in die Küche. Kleines Köchelverzeichnis für Männer" (1996) und "ABC für Großmütter" (1999).

Geboren wurde Nöstlinger am 13. Oktober 1936 als Tochter eines Uhrmachers und einer Kindergärtnerin in Wien - der Stadt, der sie ein Leben lang eng verbunden blieb. Das Kind aus sozialistischem Elternhaus wollte ursprünglich zur bildenden Kunst und begann ein Studium der Gebrauchsgrafik an der Akademie für angewandte Kunst in Wien. Dann kamen jedoch zwei Ehen in die Quere und zwei Töchter (geboren 1959 und 1961). Da sich Nöstlinger als Hausfrau und Mutter eher langweilte, zeichnete und schrieb sie "Die feuerrote Friederike" (1970) - bis heute ein Klassiker.

Der Text war so erfolgreich, dass sie sich fortan dem Schreiben widmen konnte. Dabei beließ es Nöstlinger nicht bei der Skizzierung einer heilen Kinderwelt, im Gegenteil. Als eine der ersten deutschsprachigen Jugendbuchautorinnen reflektierte sie etwa autobiografisch geprägte Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit.

Dem Kind ist die
Wahrheit zumutbar

Nöstlinger setzte sich auf humorvolle Weise mit Problemthemen auseinander, kombinierte in ihren Büchern realistische Milieuschilderungen, Sozialkritik und Fantastik in einer Sprache mit Dialektanklängen und eigenwilligen Neuschöpfungen. "Ich muss mich nicht dauernd danach richten, was Erwachsene wollen! Ich bin ein freies Kind und weiß selbst am besten, was für mich gut ist", heißt es etwa in "Hugo, das Kind in den besten Jahren". Eine solche Einstellung markierte in Nöstlingers Anfangsjahren eine Zäsur innerhalb der Tradition der Zeigefinger-Kinderbuchliteratur und traf den liberalen Nerv der Generation nach 1968. Das macht bis heute eine Sonderstellung der Autorin aus: Sie mutet Kindern die Welt mit ihrer Komplexität, Vitalität und ihren vielen Wahrheiten zu.




weiterlesen auf Seite 2 von 2




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-13 17:28:05
Letzte Änderung am 2018-07-13 18:50:40


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Verlorene Seelen auf der Suche
  2. Gefangen in der virtuellen Realität
  3. reisewörter
Meistkommentiert
  1. Grundton Melancholie
  2. Österreichischer Buchpreis für Daniel Wisser
  3. Unmündige Anklage

Werbung





Werbung