• vom 21.07.2018, 10:30 Uhr

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Subjektives Lexikon der Welt




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Von Andreas Wirthensohn

  • Der norwegische Kultautor Karl Ove Knausgård erklärt seiner Tochter in vier Bänden die Welt. - Ein genialer Kniff, um sein ich-bezogenes Schreibprojekt fortzusetzen.

Wirklichkeitsliteratur vom Feinsten: Karl Ove Knausgård.

Wirklichkeitsliteratur vom Feinsten: Karl Ove Knausgård.© Thomas Wågström Wirklichkeitsliteratur vom Feinsten: Karl Ove Knausgård.© Thomas Wågström

Es ist ja nun wahrlich nicht so, dass Schriftsteller mit jedem neuen literarischen Werk das Sprachrad neu erfinden. Im Gegenteil, die meisten Autoren schreiben ihr Leben lang im Grunde an einem einzigen großen Buch, dessen einzelne Teile sich mal mehr (beispielweise beim jüngst verstorbenen Philip Roth), mal weniger (wie etwa bei Wilhelm Genazino) unterscheiden können. Der Schreibimpetus jedoch, die existenzielle Triebfeder, die einen Literaten immer wieder aufs Neue dazu animiert oder sogar nötigt, Sätze zu Papier zu bringen, ändert sich in den meisten Fällen eher nicht.

Im Falle des Norwegers Karl Ove Knausgård (der seit ein paar Jahren in Schweden lebt) stellte sich für den Schreibenden wie für seine Leser dennoch die Frage, was denn da noch kommen sollte. Denn die opulenten sechs Bände "Min kamp" (wie dieses opus monstrum im Original, 2009 bis 2011 erschienen, heißt) hatten ihn weltweit zu einer Art "Kultautor" gemacht und Literaturgeschichte geschrieben. Mehr als 4600 Seiten umfasst dieses "Experiment im Genre Realismus", und in der Tat hat man selten ein Werk gelesen, das sich mit solcher Akribie noch den banalsten Alltagstätigkeiten wie Putzen, Einkaufen oder Windelwechseln widmet.



Information

Karl Ove Knausgård
Im Herbst

Mit Bildern von Vanessa Baird. 286 Seiten, 22,70 Euro.

Im Winter

Mit Bildern von Lars Lerin. 310 Seiten, 22,70 Euro.

Im Frühling

Mit Bildern von Anna Bjerger. 250 Seiten, 22,70 Euro.

Im Sommer

Mit Bildern von Anselm Kiefer. 492 Seiten, 24,70 Euro.

Alle übersetzt von Paul Berf und erschienen im Luchterhand Verlag, München 2017/18.

Was sollte auf diese wahrhaft singuläre (und süchtig machende) Selbsterkundung folgen: ein fiktionaler Roman klassischer Bauart? Gedichte? Weitere nach dem gleichen Muster gestrickte "Kampf"-Bände mit den neuesten Neuigkeiten aus dem Leben der Familie Knausgård? Die Gefahr war groß, dass alles Künftige von diesem Autor verblassen würde angesichts der Wucht dieses schreibenden Kampfs mit dem Leben, der binnen nicht einmal drei Jahren - also beinahe rauschhaft - entstanden war.

Um es kurz zu machen: Knausgård hat einen reichlich genialen Kniff gefunden, um seinen Wirklichkeitshunger (und den seiner Leser) weiter zu stillen, aber zugleich neue Wege zu beschreiten. In vier jahreszeitlich betitelten Bänden nimmt er sich vor, seiner Anfang 2014 geborenen jüngsten Tochter die Welt zu erklären. "Ich will dir die Welt zeigen, wie sie ist und wie sie uns umgibt, die ganze Zeit. Nur indem ich das tue, kann ich selbst sie sehen." Für seine (zu Beginn des Schreibprojekts noch ungeborene und am Ende zweieinhalb Jahre alte) Tochter die "alltäglichsten Dinge" zu beschreiben, mache auch das eigene Leben lebenswert und sei "eine Art, Platz für dich zu schaffen".

Aber im Grunde ist die Tochter nur ein Vorwand, um das ich-bezogene (aber keineswegs selbstverliebte) Schreibprojekt fortzusetzen, das Knausgård selbst so definiert: "Obwohl alles, was ich derzeit schreibe, autobiografisch ist und in der einen oder andren Weise von meinem Leben handelt, ist das Leben selbst gleichwohl etwas völlig anderes. Es spielt sich an einem ganz anderen Ort ab, sozusagen hinter der Schrift, es ist ein dunkles Gebirge, von dem diese nur kurze und begrenzte Schlaglichter sieht wie im Lichtkegel einer Taschenlampe."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-19 16:32:12
Letzte Änderung am 2018-07-19 17:01:40


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