• vom 22.07.2018, 08:00 Uhr

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"Ich möchte mehrere Leben nebeneinander"




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Von Astrid Diepes

  • Zum 100. Todestag von Franziska zu Reventlow - einer Gräfin, die einst Königin der Münchner Bohème war.

Im Alter von 47 Jahren verstarb Gräfin Franziska zu Reventlow aufgrund eines Fahrradunfalls. - © Diepes

Im Alter von 47 Jahren verstarb Gräfin Franziska zu Reventlow aufgrund eines Fahrradunfalls. © Diepes

Fanny zu Reventlow fotografiert um 1900.

Fanny zu Reventlow fotografiert um 1900.© privat Fanny zu Reventlow fotografiert um 1900.© privat

Locarno. Wer 100 Jahre nach dem Tod der Gräfin Franziska zu Reventlow, einst Königin der Münchner Bohème, ihre Grabstätte sucht, wird mit großen Augen angesehen. "Fanny zu Reventlow - die kennen wir nicht", ist die einstimmige Antwort der Locarnesen. Am 26. Juli 1918 verstarb sie in der ehemaligen Clinica Balli in Muralto (Kreis Locarno) an den Folgen eines Fahrradunfalls, in Locarno ist sie begraben. Ihr Freund Rainer Maria Rilke würdigte sie: "Ich finde, dass ihr Leben eins von denen ist, die erzählt werden müssen."

Mehrere Leben
Nur 47 Jahre alt wurde die schöne Fanny. 47 Jahre, in denen sie mehr erlebte als manch Hundertjähriger. Ihr Leben und die Jahre, die sie in der Stadt des Filmfestivals Locarno verbrachte, könnte aus einem Kinofilm stammen. Im autobiografischen Roman "Ellen Olestjerne" sagt ihr Alter Ego Ellen: "Es ist ein Gefühl, das mich ganz wild machen kann, wenn man daran denkt, was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht. Ich möchte mehrere Leben nebeneinander haben - eines dürfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend und mit einer großen stillen Liebe - ‚gut und glücklich‘ sein - verstehst du, aber das andere - nur hineinstürzen und alles über sich zusammenschlagen lassen."


Zu Lebzeiten war sie, die ihre Liebhaber häufig wechselte und ihre ganze Liebe ihrem Sohn schenkte, als "Skandalgräfin" bekannt. Zeitweise bestritt sie, die eigentlich Malerin sein wollte, ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Daher auch ihr Beiname "Wiedergeburt der antiken Hetäre".

Nach einstündiger Suche auf dem großen Friedhof von Locarno an der Kirche Santa Maria in Selva kommt der Friedhofswärter zu Hilfe, der den Namen ebenfalls noch nie gehört hat. Lange blättert er dicke Ordner mit besonders alten Grabstätten durch, bis er auf einer der letzten Seiten fündig wird: "Contessa Francesca Reventlow?", fragt er mit einem Lächeln. Und: "Rodolfo Reventlow?" Die Grabstätte, an der die Schriftstellerin und ihr Sohn Rolf die letzte Ruhe gefunden haben, ist bis 2079 bezahlt.

In München kennt man sie besser als heute in Locarno. Ihre Anfangszeit als Malschülerin in München beschrieb Reventlow: "Und das Arbeiten in unserm großen kühlen Atelier, und dann wieder in die Sonne hinaus, den ganzen Tag sein eigner Herr sein, keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu müssen. So habe ich mir’s geträumt, das ist endlich die Luft, in der ich leben kann." Zu Lebzeiten war sie auch in Locarno und in Ascona bekannt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-20 16:26:08
Letzte Änderung am 2018-07-20 16:41:10


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