• vom 27.07.2018, 07:30 Uhr

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Update: 27.07.2018, 12:19 Uhr

Literatur

Die unwillige Multikulti-Instanz




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Von Christina Böck

  • Turbulenten Zeiten zum Trotz: Zadie Smith erzählt vom selbstverständlichen Miteinander.

Zadie Smith bekommt den "Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur" verliehen. - © APAweb / AFP, Tobias Schwarz

Zadie Smith bekommt den "Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur" verliehen. © APAweb / AFP, Tobias Schwarz

Die "glamouröse Klassensprecherin von Multikulti-London" ist Zadie Smith schon genannt worden. Damals war sie 24 Jahre alt und landete mit dem Roman "White Teeth" einen internationalen literarischen Durchbruch. Darin erzählte sie die Geschichte von Archibald Jones, der sich eigentlich das Leben nehmen will, was der koschere Fleischhauer, vor dessen Geschäft er das durchziehen will, nicht so gern sieht. In seinem "neuen" Leben trifft er die Jamaikanerin Clara, mit der er eine Familie gründet. Smith zeichnet im einnehmend süffigen Stil mit Witz ein Panorama der Londoner Gesellschaft, das sich aus der Geschichte des Empires ebenso nährt wie aus moderner Migration. Auch islamischer Fundamentalismus wird behutsam aufgegriffen. Smith hat selbst jamaikanische Wurzeln, und "White Teeth" wird nicht das einzige Buch bleiben, in dem sie aus ihrer eigenen Biografie schöpft.

Vielstimmigkeit
Wenn man sie heute, 17 Jahre später, auf ihr Dasein als Multikulti-Instanz anspricht, reagiert Zadie Smith mit genervtem Augenrollen. Zumindest im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" im Herbst 2017. Anlässlich der Übergabe des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur am Freitag in Salzburg wollte Smith keine Interviews geben. Vielleicht auch, weil die Begründung für den mit 25.000 Euro dotierten Preis auch auf dieser Kernkompetenz fußt: In ihrem bisherigen literarischen Oeuvre habe die 42-Jährige "unser Bewusstsein für die ethnische, soziale und kulturelle Vielstimmigkeit unserer Welt geschärft, indem sie in ihren Romanen die Frage nach Herkunft und Identität stellt", so Kulturminister Gernot Blümel in einer Aussendung. Und doch ist gerade sie, die schon immer vom selbstverständlichen Mit- und Nebeneinander verschiedener Kulturen erzählt hat, ein naheliegender Gesprächspartner zu Fragen der Integration, die heute drängender sind als wohl je zuvor. Aber dagegen sträubt sich Zadie Smith, wenn auch elegant: "Ich verstehe nicht, warum jemand wie ich exklusive Einblicke in das Chaos unserer Welt haben soll", sagt sie. Außerdem seien die meisten Schriftsteller ohnehin "politisch dumme Menschen".


Hautfarbe und Milieu
Davon muss bei Zadie Smith aber jedenfalls nicht ausgegangen werden. Das lässt sich auch in ihrer zuletzt veröffentlichten Essay-Sammlung "Feel free" nachlesen, in der sie Popkultur und politische Debatte mit derselben Energie und dem nötigen Humor zerpflückt. Auch ihr aktueller Roman "Swing Time" verfügt über die ihr eigene Schmissigkeit. Hier erzählt sie von zwei Mädchen, die in den 80er-Jahren in London aufwachsen und sich über ihre Liebe zum Tanz anfreunden. Der bleibt ein Leitmotiv, auch wenn sich die Wege der beiden trennen und unter anderem nach Westafrika führen. Auch in diesem Buch kehrt Smith an ihre Wurzeln zurück, den Nordwesten Londons. Nicht nur in dem Roman, dem sie sogar den Postcode "NW" als Titel verliehen hat, geht sie dort auf Spurensuche, wie Hautfarbe und Milieu die Menschen prägen.

Smiths Bücher künden von einem distanzierten Optimismus, selbst dem Brexit kann sie, wenn auch ambivalent, Gutes abgewinnen: "Er ist die finale Dekonstruktion der Illusion, dass Abkommen, die auf Zusammenhalt ausgerichtet sind, für immer stabil bleiben. Dass eine offene Gesellschaft für immer stabil bleibt."

Zadie Smith:
"Swing Time" (KiWi Verlag),

"Feel Free", Essays, (Hamish Hamilton), derzeit nur auf englisch




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-26 16:53:13
Letzte Änderung am 2018-07-27 12:19:29


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