• vom 13.08.2018, 16:26 Uhr

Autoren


Nachruf

Der Autor als Rebell




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul ist gestorben.


© ap/Chris Ison © ap/Chris Ison

London/Wien. (eb) "Keine Überraschung, aber eine Enttäuschung", so quittierte Marcel Reich-Ranicki im Jahr 2001 die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den britischen Schriftsteller V. S. Naipaul. Immerhin unterzog der deutsche Literaturkritiker das Komitee der Schwedischen Akademie keiner seiner üblichen verbalen Bastonaden - was durchaus für Naipaul spricht. Der Autor ist am Samstag sechs Tage vor seinem 86. Geburtstag gestorben.

V. S. Naipaul, mit vollem Namen Vidiadhar Surajprasad Naipaul, wurde am 17. August 1932 in Chaguanas (Trinidad und Tobago) geboren. Seine Vorfahren waren aus Indien stammende Vertragsarbeiter der britischen Kolonie Trinidad, allerdings arbeitete sein Vater bereits als Journalist beim "Trinidad Guardian" in Port of Spain. V. S. Naipaul ging 1950 mit einem Stipendium an das University College in Oxford. Ab Mitte der 1950er Jahre arbeitete er einige Jahre für die BBC, ehe er sich als freier Schriftsteller etablierte. Der Durchbruch gelang ihm 1971 mit dem Roman "Sag mir, wer mein Feind ist", für den er den Booker Prize erhielt.


Aufsehen erregte zeitweise Naipauls Privatleben: 1955 hatte er Patricia Hale geheiratet. 1972 ging er eine von Hale akzeptierte Beziehung mit Margaret Goodings ein. Nach dem Tod Hales 1995 trennte er sich auch von Goodings und heiratete im Jahr darauf Nadira Khannum Alvi.

Naipaul gilt primär als Reiseschriftsteller. Allerdings erweitert er die Reiseberichte mit Analyen und romanhaften Elementen. Seine Romane setzen sich vor allem mit den postkolonialistischen Lebenswirklichkeiten im Spannungsfeld von Rassenfragen, Verlogenheit und Entwurzelung auseinander. Zwar wurde er für seine Positionen als "Humanist der Moderne" und "Aufklärer der postkolonialen Welt" oft gefeiert, vielfach wurde ihm aber die kühle Distanz, mit der er die sogenannte Dritte Welt beschrieb, auch vorgeworfen.

Ohnedies war Naipaul ein politisch unangepasster Autor. Den damaligen britischen Premierminister Tony Blair etwa bezeichnete er als einen "Piraten" an der Spitze einer "sozialistischen Revolution", die "das britische Ideal der Zivilisation zerstört". Dessen ungeachtet schlug Königin Elizabeth II. im Jahr 1990 den rebellischen Autor zum Ritter.




Schlagwörter

Nachruf, V. S. Naipaul

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-13 16:35:33


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Ursprung der Wiederholung
  2. Zerrbild der Ideenträger
  3. "Ich bin doch nur ein Depp"
Meistkommentiert
  1. Unmündige Anklage
  2. Die ganze Grausamkeit des Holocaust
  3. Mord mit Stil

Werbung





Werbung