• vom 19.08.2018, 08:30 Uhr

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Die Erdäpfel kamen zuerst




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Von Wolfgang Taus

  • Das Meer und Europa - eine intensive Wechselbeziehung.

Atlantikküste in Südfrankreich. - © APAweb, afp, Nicolas Tucat

Atlantikküste in Südfrankreich. © APAweb, afp, Nicolas Tucat

Europa entdeckte die Welt über das Meer und lernte sich zugleich selber kennen. Ein Kennzeichen der europäischen Geschichte der Neuzeit und damit der Entdeckung der Welt durch die Europäer war die Herausforderung, das Meer als Grenze zwischen Europa und Außereuropa zu überwinden. In dem Maße jedoch, in dem die europäischen Mächte die außereuropäische Welt für sich entdeckten, Grenzen überwanden und zugleich die Begrenztheit der Welt erahnten, wurde das Meer entmystifiziert und neu entdeckt.

Aus einer von Schiffen befahr- und überwindbaren Grenze zwischen Europa und Außereuropa, einem Raum, der durch Länge und Breite bestimmt war, kam mit der Entdeckung der Tiefe des Meeres ein wiederum weitgehend unerforschter und damit unbekannter Raum hinzu, der auf eine ganz andere Weise faszinierte. Das Meer wurde dadurch zu einer Art "doppeltem Zwischen-Raum", meint der deutsche Historiker Jürgen Elvert in seiner glänzend durchdachten und beschriebenen maritimen Geschichte der Neuzeit. Etwa 70 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt. 80 Prozent der Weltbevölkerung lebt an oder in der Nähe von Meeren und etwa 90 Prozent des Welthandels erfolgt über die Ozeane. Diese 70-80-90-Faustregel dient unter anderem heute der Weltmacht USA als Begründung für die globale Präsenz der US-Navy. Sie ist Ausdruck einer Maritime Domain Awareness.

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Sachbuch

Europa, das Meer und die Welt

Jürgen Elver, DVA, 2018.

Es war der Atlantik, über den seit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents Millionen Menschen nach Amerika kamen. Dem alten Kontinent ist heute eine solche Maritime Domain Awareness verloren gegangen. Die nationalstaatliche Ordnungs- und Denkweise verstellt diese Sicht. Dabei wären die geografischen Voraussetzungen dafür günstig, denn mit einer Küstenlänge von über 110.000 km bei einer Grundfläche von rund 10,5 Millionen km² ist Europa der maritime Kontinent schlechthin, so Elvert. Diese Tatsache steht in einem erstaunlichen Missverhältnis zu einer ausgeprägten Blindheit der Bewohner Europas, welche die Bedeutung des Meeres für Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Kontinents nicht erkennen wollen und können, kritisiert der Autor.

Über das Meer wurde einst die Welt erschlossen, von dort strömten neue Erkenntnisse und Erfahrungen nach Europa zurück und veränderten den alten Kontinent und ihre Menschen. In diesem Zusammenhang begann die "Amerikanisierung" Europas nicht erst 1945, sondern schon im 18. Jahrhundert mit der Verbreitung des Erdapfels.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-17 15:53:35
Letzte Änderung am 2018-08-17 18:08:51


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