• vom 25.08.2018, 14:00 Uhr

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Gestürztes Denkmal




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Von Elisabeth Freundlinger

  • Anthony McCartens Roman über das Beatnik-Idol Jack Kerouac.



Was passiert mit Helden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Seinerzeit riss Jack Kerouac mit seinem Roman "On the Road" (1957) die moralischen Strukturen der amerikanischen Gesellschaft nieder. Der Bestseller prägte das Lebensgefühl einer ganzen Generation und gilt als Meilenstein der Beatnik-Bewegung. Kühn schickte Kerouac darin seine Figuren auf einen hemmungslosen, von der Gier nach Freiheit und dem Rausch des Verbotenen erfüllten Roadtrip.

Kerouac, der autobiografische Elemente verwendet hatte, avancierte zur Kultfigur - allerdings zu einer umstrittenen, hatte er sich doch auch skrupellos an der Lebensgeschichte eines Freundes bedient. Und so entfloh er der Öffentlichkeit, versteckte sich vor der Verantwortung wie vor distanzlosen Fans in einem schäbigen Haus irgendwo in Florida. Soweit die Facts.

Information

Anthony McCarten
Jack

Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Diogenes, Zürich 2018, 256 Seiten, 22,70 Euro.

Anthony McCarten, für seine feine Subtilität bekannter Autor fiktiver Biografien, nimmt sich geschickt des Themas an. Seine Geschichte beginnt genau dort, wo sich der abgehalfterte Schriftsteller Kerouac imagegerecht zu Tode säuft. Wunderbar spielt McCarten dabei mit den Widersprüchen dieses Lebenswegs: vom Roadtrip zum Rückzug, vom Freiheitsrausch zum banalen, armseligen Alkoholdusel.

Als Gegenpol zum verblassenden Idol Kerouac bringt McCarten eine vom Ehrgeiz getriebene Literaturstudentin ins Spiel: Jan Weintraub hat den Autor lange Jahre studiert und nun endlich in seinem Schlupfwinkel aufgespürt. Mit der Biografie über Kerouac will sie vor allem sich selbst ein Denkmal setzen; an Gewissenlosigkeit mangelt es ihr genauso wenig wie ihrem Vorbild. Sie zwingt dieses - auch mit unlauteren Methoden -, sich der Vergangenheit zu stellen.

Immer wieder kommt das Gespräch auf andere Menschen, deren Identitäten als Trittsteine missbraucht wurden. Dass die junge Frau ihr "Objekt" ebenfalls benutzt, ist nur einer von McCartens Schachzügen, mit denen er die zahlreichen Ironien des Lebens aufgreift. Schließlich werden auch die Denkmäler von Rebellen eines Tages gestürzt.

Anthony McCarten, 1961 in New Plymouth/Neuseeland geboren, lebt heute in London. Er hat zahlreiche Theaterstücke ("Ladies Night") und Romane verfasst, in letzter Zeit machte er auch als erfolgreicher Drehbuchautor von sich reden, wie etwa mit dem Script zum Churchill-Film "Die dunkelste Stunde".





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-24 14:53:44
Letzte Änderung am 2018-08-24 15:06:05


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