• vom 02.09.2018, 13:00 Uhr

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Literaturgeschichte

Amateurdetektiv in Otto-Wagner-Villen




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Von Brigitte Biwald

  • Der österreichische Sherlock Holmes heißt Dagobert Trostler und hat seine Kriminalfälle im Wien des Fin de siècle gelöst. Erfunden hat ihn der vor 170 Jahren geborene Journalist Balduin Groller.



Einige seiner Wesenszüge sind auch in die Figur des Dagobert Trostler eingegangen: der Journalist und Autor Balduin Groller, geboren als Adalbert Goldscheider (1848-1916).

Einige seiner Wesenszüge sind auch in die Figur des Dagobert Trostler eingegangen: der Journalist und Autor Balduin Groller, geboren als Adalbert Goldscheider (1848-1916).© Ullsteinbild Einige seiner Wesenszüge sind auch in die Figur des Dagobert Trostler eingegangen: der Journalist und Autor Balduin Groller, geboren als Adalbert Goldscheider (1848-1916).© Ullsteinbild

Dagobert Trostler ist nicht nur eine der originellsten, er ist auch eine der ältesten Detektivgestalten der Weltliteratur. Als "Engländer" wäre er längst berühmt. Der österreichische Journalist Balduin Groller, sein Erfinder, wäre heute fast vergessen, wenn er nicht in dem 2002 erschienen Handbuch "Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert" Aufnahme gefunden hätte.

Balduin Groller wurde als Adalbert Goldscheider am 5. September 1848 in der damals im Königreich Ungarn gelegenen Stadt Arad (heute Rumänien) geboren. Er starb am 22. März 1916 in Wien. Nach der Gymnasialzeit in Dresden studierte er an der Leipziger und Wiener Universität Philosophie und Rechtswissenschaft. Mit 22 Jahren wurde er Freimaurer in der ungarischen Loge Széchenyi in Arad. Unter dem Pseu-
donym Balduin Groller brachte er es bald zu einem vielbeschäftigten Journalisten und Kunstexperten. Mit 23 Jahren gründete er 1871 in Wien die "Allgemeine Kunstzeitung", mit der er aber bereits nach kurzer Zeit in Konkurs ging. Später redigierte Groller die "Deutsche Schriftstellerzeitung".

Feuilletons & Leitartikel

Über zwei Jahrzehnte gehörte er der Redaktion des "Neuen Wiener Journal" an und war Chefredakteur der "Neuen Illustrierten Zeitung". Groller belieferte die Blätter von der "Gartenlaube" bis zum "Neuen Pester Journal" mit Feuilletons. 1880 madjarisierte er seinen Namen in Gál Béla. Im Wien der k.u.k. Monarchie war Groller hoch angesehen, wurde mit dem Ritterkreuz des Franz-Joseph-Ordens ausgezeichnet.



Information

Literatur:

Hans Heinz Hahnl: Vergessene Literaten. Fünfzig österreichische Lebensschicksale. Wien 1984.

Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert, Bd. 1, München 2002.

Johann Nagl, Jakob Zeidler, Eduard Castle (Hrsg.): Deutsch-österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn, 3. Bd., Leipzig 1899.

Ludwig Platkolb: Neuausgabe des 1910-1912 in Leipzig erschienenen Novellen-Zyklus "Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer". Stuttgart 1967.

Im Verlag "projekt gutenberg.de" sind Reprints von Balduin Grollers "Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer", Band 1 und Band 2, als Taschenbuch erschienen.

Den Journalisten- und Schriftstellerverband Concordia leitete er einige Jahre als Vizepräsident und als solcher avancierte er auch zum Mitglied der Kunstkommis-sion des k.k. Ministeriums für Kultur und Unterricht. Als Verfasser von Leitartikeln war er ebenso geschätzt wie als Wegbereiter des Sportjournalismus. Im Februar 1906 wurde der "Allgemeine Sportausschuß für Österreich" gegründet und Groller als Vizepräsident aufgestellt.

Dieser Verband gilt heute als Vorläufer des Österreichischen Olympischen Comités. Zwei Jahre später, im März 1908, war Groller bereits erster Präsident des Wiener "Zentral-Verbands für gemeinsame Sportinteressen". Er war Förderer der Friedensbewegung Bertha von Suttners, die ihn "als herzlichen, humorvollen Zeitgenossen" sehr schätzte.

Doch dieser anerkannte jüdische Journalist, Mitglied der Kunstkommission und Ordensträger, wurde in der deutsch-österreichischen Literaturgeschichte eher abgewertet. Im "Handbuch zur Geschichte der Deutschen Dichtung in Österreich-Ungarn" wird sein Werk von dessen Herausgebern Nagl/Zeidler/Castle (1899) als "journalistische Massenware" mit einem Satz abgetan. Sie reihen ihn unter "Literarisches Schaffen in Ungarn" ein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 14:56:56
Letzte Änderung am 2018-08-30 15:54:10


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