• vom 02.09.2018, 13:00 Uhr

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Literaturgeschichte

Amateurdetektiv in Otto-Wagner-Villen




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"Das ist gar nicht so unrichtig", stellte Hans Heinz Hahnl in seiner Studie der vergessenen Literaten fest: "Balduin Groller hatte die spritzige Leichtigkeit der ungarischen Unterhaltungskünstler, eine Kunst, die zwar verlangt aber gering geachtet wurde".

Abgesehen von sechs Krimi-Bänden über "Dagobert Trostlers Taten und Abenteuer", die in den Jahren 1910 bis 1912 erschienen, hat Groller - neben anderen Büchern - noch einen Roman über einen Kriminalfall verfasst. Unter dem Titel "Schuldig" erzählt er, wie ein genialer Maler aus Geldgier zum Raubmörder wird.

Balduin Groller hat die literarische Form der Detektivgeschichte ins Österreichische transponiert. Seine Romanfigur Dagobert Trostler ist eine unverwechselbare, sehr eigenständige und typisch wienerische Gestalt im alten Kaiserreich. Dagobert ist als Amateurdetektiv am ehesten mit Lord Peter Wimsey zu vergleichen, der als Protagonist in den Romanen und Kurzgeschichten von Dorothy Leigh Sayers Kriminalfälle aufklärt: Ein Mann aus reichem Haus mit amouröser Vergangenheit und Gegenwart, der das Detektivspielen als brotlose Kunst betreibt. Dabei arbeitet er absolut wissenschaftlich, nach den neuesten Methoden, die damals von dem italienischen Professor für gerichtliche Medizin und Psychiatrie, Cesare Lombroso (1835- 1909), bekannt gemacht wurden. Und natürlich ähnelt er auch dem von Arthur Conan Doyle erschaffenen Sherlock Holmes.

Lebemann & Junggeselle

Jedenfalls ist Detektiv Dagobert der altmodischen Wiener Polizei immer einen Schritt voraus. Er ist eine Spürnase des wissenschaftlichen Zeitalters, ein exakter Denker und Individualist, aber kein Ideologe der Kriminalistik. Er vertraut auf den Zufall und hofft auf das Glück, das ihm natürlich zur Seite steht. Als typischer Österreicher des Großbürgertums ist er auch ein galanter Detektiv. Er ist Lebemann und Junggeselle, aber nicht mehr jung, sondern ein Mann, dem die Erfahrung erlaubt, Contenance zu halten.

Dagoberts Geschichten spielen innerhalb einer intakten Gesellschaft. Diese Gesellschaft rekrutiert sich aus Hochfinanz, Indus-trie, Diplomatie, altem und jungem Adel einerseits, sowie Künstlern und Leuten vom Theater andererseits. Die Häuser seiner Freunde, in denen er verkehrt, sind von Otto Wagner entworfen. Traditionelle Umgangsformen werden eisern eingehalten. Falsche Aristokraten oder als Dienstboten eingeschlichene Kriminelle sind die Übeltäter.

"Immerhin spürt man," - schreibt Hans Heinz Hahnl in seinem Buch "Vergessene Literaten" - "dass diese Gesellschaft der Neureichen, der frisch Geadelten ihre Brüche hat." Der Autor Balduin Groller zeigt somit, dass auch in dieser guten alten Zeit der erfolgreichen Männer und schönen Damen gestohlen und betrogen wurde. Das nahmen ihm seine bürgerlichen und aristokratischen Leserinnen und Leser übel, obwohl der Romanheld Dagobert Trostler selbst die ideale Verkörperung der feinen Gesellschaft des Fin de siècle war: Ein gebildeter Mann, der alles weiß und kann, der in der Graphologie ebenso bewandert ist wie in der Musik und in der Kriminalistik.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-30 14:56:56
Letzte Änderung am 2018-08-30 15:54:10


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