• vom 02.09.2018, 14:00 Uhr

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Literatur

Großer Pfau, großer Pan




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Von Manuel Chemineau

  • François-René de Chateaubriand gilt als Vater der französischen Romantik. Am 4. September jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal.

Chateaubriands Grabmal auf der Insel Grand Bé vor Saint-Malo. Anne-Louis Girodet-Trioson porträtierte den Autor in meditativer Pose. - © Katharina Hirschmann (li.), Wikimedia/public domain (re.)

Chateaubriands Grabmal auf der Insel Grand Bé vor Saint-Malo. Anne-Louis Girodet-Trioson porträtierte den Autor in meditativer Pose. © Katharina Hirschmann (li.), Wikimedia/public domain (re.)

Wenn man Simone de Beauvoir in ihren Memoiren Glauben schenken will, hätte Sartre, um sie zu beeindrucken, auf das Grab von Chateaubriand gepinkelt. Damit wollte er wohl seine pauschale Verachtung sowohl für das literarische Werk des Memorialisten und Gründers der französischen Romantik als auch für dessen politisches Engagement (Karriere als Außenminister unter dem Bourbonen-König Louis XVIII und als Di-plomat, Anm.) liquiden Ausdruck verleihen.

Die Grabschändung als Zeichen der Ablehnung seitens des Autors von "Les mots" stellt auch die immer wiederkehrende Frage in Bezug auf Werke der Vergangenheit, die per se anachronistisch sind: Wie kann man dieses Werk heute lesen? Die doppelte Bedeutung von "wie" impliziert eigentlich zwei Fragen. Das eine, das empörte "Wie", fragt (wie Sartre) nach dem Nutzen von einem Werk, das uns nichts über unsere Aktualität erzählt. Danach wären nur Kunstwerke lesenswert, die Parallelen zu unserer Zeit aufweisen. Das zweite "Wie" fragt nach der Lesart, welche die Kreativität des Lesers ins Spiel bringt. Darauf gibt Roland Barthes ansatzweise Antwort, nämlich, im Falle von Chateaubriand: weil es von "atemberaubender Schönheit" ist.

Information

Manuel Chemineau, geboren in Paris, Kulturhistoriker, Literaturwissenschafter und Übersetzer,, unterrichtet an der Universität Wien.

Zwischen diesen beiden Polen oszilliert die Rezeption der Nachwelt: zwischen Bewunderung - von Baudelaire, Victor Hugo über Roland Barthes bis zu Julien Gracq: "On lui doit tout" (Wir verdanken ihm alles) - und Ablehnung - eben Sartre, ohne sich aber gänzlich seinem Einfluss zu entziehen.

Beziehung zum Meer

Das ominöse Grab mit dem aus zwei Granitzylindern bestehenden Kreuz bildet ein imposantes Mal, wie es selten einem Schriftsteller zuteil wurde. Es thront auf der Gezeiteninsel Grand Bé vor Saint-Malo, die bei Ebbe durch einen Pfad mit dem Festland verbunden ist, bei Flut jedoch gänzlich im Meer steht.

Saint-Malo, diese heute etwas künstlich anmutende (weil nach der beinahe vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg historisierend wieder aufgebaute) Stadt an der Nordküste Frankreichs war 1768 der Geburtsort von François-René de Chateau- briand. Diese kleine Stadt ist von der Beziehung zum Meer geprägt. Fischerei, Schiffsverkehr, das Versprechen von Reisen in weit entfernte Länder, das heldenhafte Abenteurertum der Korsaren im Dienst des Königs - und die Natur: Unendliche Weiten sowie die Gewalt der Elemente prägen das Leben der Leute.

Vater Chateaubriand ist ein Selfmademan, der es in der Schifffahrt - vor dem Hintergrund des Krieges mit Großbritannien - zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat. Um den Stand der Familie im bretonischen Adel zu behaupten, wird dann, sieben Jahre vor François Renés Geburt, die Grafschaft von Combourg mit ihrem Schloss erworben, welches gemeinsam mit Saint-Malo für den jungen Chateaubriand die so entscheidende Kulisse seiner frühen Entwicklungen bilden wird.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 14:21:04
Letzte Änderung am 2018-08-31 15:05:39


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