• vom 02.09.2018, 14:00 Uhr

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Großer Pfau, großer Pan




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Meer, Natur und das unbändige Spiel der Elemente einerseits (Saint-Malo) sowie Isolation, Einsamkeit und morbide Erotik (Combourg) andererseits bilden die Schlüsselmomente, die das Werk und Leben strukturieren und später jene schmerzhaft verlorene Vergangenheit bilden werden, die der Schriftsteller, um sie in einer Art immerwährender Vergänglichkeit zu vergegenwärtigen, in einem der größten Memoirenwerke der französischen Literatur verewigen wird, den "Erinnerungen von jenseits des Grabes" ("Mémoires d’Outre tombe").

Kindheit, Jugend, Reisen, schriftstellerische Erfolge und politisches Wirken werden am Ende seines Lebens in den Memoiren zu einem organischen Ganzen, das trotz Vielfalt von einem starken logischen Strang zusammengehalten wird, und in dem alle Episoden des Lebens dieser inneren Logik unterworfen scheinen.

Im Juli 1817, getrübt von einer schwierigen persönlichen Lage und zutiefst berührt vom Tode Germaine de Staëls, erlebt Chateau-briand bei einem seiner trübseligen Spaziergänge einen Proustschen Erinnerungsflash, hervorgerufen durch das Betrachten der Landschaft und das Gezwitscher der Amseln. So werden auch bei ihm vergessen gewähnte Erinnerungen in ihrer Gesamtheit und unmittelbaren Erlebbarkeit zutage befördert. Während aber bei Proust dieses Eindringen der Vergangenheit in die Gegenwart ein unwiderstehliches Glücksgefühl hervorruft, ist es bei Chateau-
briand hingegen das nostalgische Bewusstsein der Vergänglichkeit, des Verlusts, das überhandnimmt. "Geboren werden, begehren, sterben, das ist wohl alles."

In der französischen Literatur gründet das autobiographische Genre auf drei fundamentalen Werken: "Les Essais" von Michel de Montaigne, "Les Confessions" von Jean-Jacques Rousseau und die "Mémoires d’Outre Tombe" von Chateaubriand. Alle in der Folge verfassten Autobiographien sowie Autofiktionen werden im Dialog mit ihnen geschrieben.

Selbst Sartre kann nicht umhin, auf Chateaubriand zurückzugreifen, wenn er ihn in seiner Autobiographie "Les mots" (falsch) zitiert mit den Worten: "Je ne suis qu’une machine à faire des livres." (Im Grunde bin ich bloß eine Bücher machende Maschine.") Der entlarvende Zusatz "faire", also "machen", zeugt von einer Bewunderung gegenüber dem großen Vorbild, dem er auch mit manchen seiner Bücher programmatisch folgt. So kann Sartres "La nausée" ("Der Ekel") als moderne Fassung von "René" interpretiert werden, mit dem Chateaubriand die französische Frühromantik gründet und dem "Mal du siècle" (Weltschmerz), der in einem depressiven Lebensüberdruss zum Ausdruck kommt, ein Denkmal setzt.

Grandiose Symphonie

Die "Erinnerungen von jenseits des Grabes", als schlichte Memoiren begonnen, entwickeln sich zu einem Gesamtkunstwerk, mit dem er sich zugleich ein Denkmal setzen wollte, indem er ausdrücklich nur seine vornehmlich guten Eigenschaften und Stärken darzustellen versucht. "Denn meine Schwächen interessieren wohl niemanden."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-31 14:21:04
Letzte Änderung am 2018-08-31 15:05:39


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