• vom 05.09.2018, 16:16 Uhr

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Update: 05.09.2018, 16:34 Uhr

Sachbuch

Projekt Volksbühne




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Von Petra Paterno

  • Neue Perspektiven für die Berliner Volksbühne nach Chris Dercon und Frank Castorf.

Ein Bild aus besseren Zeiten: die Berliner Volksbühne unter Intendant Frank Castorf, mit Räuberrad und Ost-Schriftzug auf dem Dach. - © Peter Meissner/Ullstein Bild via Getty Images

Ein Bild aus besseren Zeiten: die Berliner Volksbühne unter Intendant Frank Castorf, mit Räuberrad und Ost-Schriftzug auf dem Dach. © Peter Meissner/Ullstein Bild via Getty Images

Ganze 255 Tage war Chris Dercon Intendant der Berliner Volksbühne - und hat dennoch Geschichte geschrieben. Kein anderer Theaterleiter dürfte in so kurzer Zeit für so viel Aufregung gesorgt haben.

2015 wurde bekannt, dass Dercon die Nachfolge von Frank Castorf antreten wird. Diese Personalie war im deutschen Feuilleton der Auftakt eines veritablen Kulturkampfs. Die Diskussion verlief entlang verhärteter Fronten: Hier der elegante Kosmopolit, dort der zerraufte Ost-Berliner, hier der Apologet des Performativen, dort der Grandseigneur des Regietheaters. Bald ging es nicht mehr nur um Fragen des Theaters und der Ästhetik, sondern um drängende Probleme der Berliner Stadt- und Kulturpolitik.

Information

Sachbuch
Vorsicht Volksbühne!
Das Theater. Die Stadt.
Das Publikum.
Erik Zielke (Hrsg.), Theater der Zeit, Berlin: 2018, 87 S., 10 Euro.

Einen Höhepunkt der Konfrontationen bildete die Besetzung der Volksbühne im vergangenen Herbst. Für alle überraschend, trat Chris Dercon am 12. April dieses Jahres von der Leitungsfunktion zurück und Geschäftsführer Klaus Dörr übernahm interimistisch bis zum Jahr 2020.

Nun gingen die Diskussionen rund um die Volksbühne aber erst richtig los. Am 15. und 16. Juni fand in der Berliner Akademie der Künste der Kongress "Vorsicht Volksbühne" statt. In Vorträgen und Gesprächsrunden wurde über neue Strategien und Positionen nachgedacht. Zu Wort kamen etwa der zuständige Berliner Kulturpolitiker, Klaus Lederer, zudem Theaterwissenschafter, Journalisten und Theatermacher wie der Dramatiker Thomas Köck und der Festivalleiter Thomas Oberender. Volksbühnen-Mitarbeiter erzählten aus ihrem Arbeitsalltag in den Gewerken, während namhafte Künstler der Ära Castorf die Teilnahme am Symposion ablehnten.

Die Ergebnisse der zweitägigen Veranstaltung wurden nun in einer Sonderausgabe des Fachmagazins "Theater der Zeit" veröffentlicht. In "Vorsicht Volksbühne! Das Theater. Die Stadt. Das Publikum" kann man auf 87 Seiten nicht nur die Reden und Statements nachlesen, auch drei Diskussionspanels wurden akribisch transkribiert. So kann man sich etwa darin vertiefen, wie der ehemalige Wegbegleiter Wolfgang Engler den "Mythos Volksbühne" zelebriert und zerlegt. Das Streitgespräch rund um strukturelle Bedingungen - Repertoire versus Gastspiel, Stadttheater versus freie Szene - wurde von Theaterleitern wie Iris Laufenberg, Ulrich Khoun, Anna Bergmann und Amelie Deuflhard angeheizt.

Mehr als nur ein Theater

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, wirft in seinem luziden Essay "Manufaktur Volksbühne" einen Blick auf die historische Volksbühnenbewegung, die er in ihrer Bedeutung mit Bürgerbewegungen unserer Tage vergleicht. Laut Oberender ging es "bei der Volksbühne von Anbeginn um mehr als nur um gutgemachtes Theater: Es ging um Meinungsfreiheit, Selbstentfaltung, um andere gesellschaftliche Organisationsformen." Daher, so Oberender, "sucht die Volksbühne heute keinen neuen Intendanten, sondern ein neues Projekt." Eine überzeugende Aussage. Doch wie das neue "Projekt Volksbühne" aussehen könnte, bleibt erwartungsgemäß offen.

An einer Stelle im Buch wird Ivan Nagel zitiert, der Anfang der 1990er Jahre Frank Castorf mit diesen Worten ins Rennen brachte: "Wir schlagen vor, dass das Land Berlin die Volksbühne einer jungen Truppe gibt, einer Truppe, die ihr Theater machen will. Die sozialen, kulturellen Schocks und Wirrnisse unserer Lage könnten sich gerade in Berlin umsetzen: in einen neuen erhellenden und verstörenden Blick des Theaters." Das gilt auch für 2020!





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 16:26:59
Letzte Änderung am 2018-09-05 16:34:15


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