• vom 06.09.2018, 16:46 Uhr

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Genreliteratur

Man mordet deutsh




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Von Edwin Baumgartner

  • Immer öfter geben deutsche Krimis vor, aus südlichen Gefilden zu stammen.


© WZ-Montage: stock.adobe.com/twixx, thongsee © WZ-Montage: stock.adobe.com/twixx, thongsee

Oh Schreck! - Deutscher Kaffee (betone: Káffe) in Sant’Angelo d’Ischia! Am liebsten würde der Epomeo, der ortseigene Vulkan, stante pede ausbrechen.

Was das mit den Lokalkrimis zu tun hat, die in Frankreich, Italien und weiß der Teufel wo noch spielen? Nun: Vor einem halben Jahrhundert plus ein paar Jahren war Sant’Angelo ein Fischerdorf, und der einzige Pizzabäcker servierte drei oder vier Sorten Pizza, weil alle anderen geschätzten dreihundertsiebenundzwanzig ausländische Erfindungen waren. Wer nicht Italienisch konnte, verständigte sich mit Händen und notfalls Füßen. Dann entdeckten deutsche Touristen den Ort, es öffneten die ersten Boutiquen, und der Schuster schusterte nicht mehr selbst, sondern ließ die Markenware aus Neapel herüberskippern. Allenthalben tauchten Schilder auf: "Hier deutscher Kaffee", und der Pizzabäcker nahm eine "Hawaii" ins Angebot. Was da geschehen ist, erinnert an den Film des bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt, "Man spricht deutsh".


Ohne Donna Leon geht nichts
Jetzt mordet man auch "deutsh". Deutsche Autoren schreiben unter lokaltypisch klingenden Pseudonymen pseudolokaltypische Krimis und übernehmen so Italien, Spanien und Frankreich.

Irgendwann haben die deutschsprachigen Autoren, die sich zur literarischen Bluttat berufen fühlen, gemerkt, dass ein guter Krimi nicht Massenerzeugung von Leichen ist, sondern Milieustudie mittels Mord. Dann hat ihnen eine brillante Amerikanerin das Modell für Urlaubsfeeling mit Untat gebaut: Ohne Donna Leon und ihren venezianischen Commissario Brunetti liefe nichts, gar nichts mehr in diesem Teilbereich des Genres.

Im Zuge der Donna-Leon-Bestseller entspringen den Computertastaturen nicht nur immer mehr Regionalkrimis, die im Allgäu spielen, am Tegernsee, im tiefsten Ober- und flachsten Niederösterreich, es taucht obendrein immer mehr Genreliteratur aus den Provinzen anderer Ländern auf. Den weiten EU-Schengenräumen stehen die engen Gegenden der Lokalkrimis gegenüber - als würde sich der Leser halt doch in einer überschaubaren Landschaft am ehesten zu Hause fühlen, selbst dann, wenn er selbst die Landschaft nicht kennt und einem Autor vertraut, der dort offenbar tief verwurzelt ist.

Von den einschlägigen französischen Autoren war der Franzose Luc Bannalec bald der meistverkaufte, nur, dass Luc Bannalec gar kein Bretone ist - er ist nicht einmal Franzose.

Es war ein - nun ja: Kein literarischer Skandal, aber zu einem Skandälchen hat‘s gereicht. Der Verlag Bannalecs hatte nämlich mitgespielt und die fiktive Biografie des Autors (samt dessen angeblichen Geburtsort Brest) in die Klappentexte gedruckt. Ein paar kundige Leser freilich wunderten sich, weshalb die wohl in französisch geschriebenen Bücher des Bretonen keines Übersetzers bedurften - denn nie war ein solcher angeführt, und auch nach den französischen Originaltiteln googelte man vergebens. Am Schluss der Sache stellte sich heraus, dass in Wahrheit der deutsche Verleger, Lektor und Übersetzer Jörg Bong, seines Zeichens Programmgeschäftsführer der S.-Fischer-Verlage, Luc Bannalec ist. Sein Geburtsort ist übrigens Bad Godesberg.

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Dokument erstellt am 2018-09-06 16:57:03


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