• vom 06.09.2018, 16:46 Uhr

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Lokaltypische Autorennamen
Folgt ein schamhaftes Abrücken vom EU-weit verteilten Lokalkrimi aus deutschem PC? - Das Gegenteil scheint der Fall. Wie in einer Trotzreaktion übernehmen die deutschen Autoren das kriminelle Europa. Selbst Cai Rademacher ließ sich anstecken. In den Jahren 2011 bis 2013 schrieb er drei atmosphäredichte Krimis vor der Kulisse des Nachkriegs-Hamburg. Dann zog er in die Provence um und beliefert den Krimi-Markt seither mit - dreimal raten, genau: - Provence-Krimis.

Wenigstens veröffentlicht Rademacher unter seinem eigenen Namen und gibt nicht vor, Provençale zu sein. Aber wir haben Catalina Ferrera mit Spanien-Krimis, Michelle Cordier mit Frankreich-Krimis, Pierre Martin und Sophie Bonnet mit Provence-Krimis und die Bretagne-Krimis von Sanni Aran (fehlen nur noch Korsika-Krimis von Napoléon Corse). Allen diesen Autorinnen und Autoren ist eines gemeinsam: Nach lokaltypischen Namen klingen ausschließlich ihre Pseudonyme.

Immerhin haben die Verlage aus dem Fall Bannalec gelernt und versuchen in der Regel gar nicht erst den Trick mit der fiktiven Biografie. Ist man als Leser dennoch unsicher, weil man lieber den Lokalkrimi eines ganz und gar einheimischen Autors lesen möchte, sucht man am besten auf dem Haupttitelblatt den Namen des Übersetzers. Ist keiner zu finden, ist das Buch aller Wahrscheinlichkeit nach originalsprachig deutsch.

Mittlerweile kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, Emanuel Geibel habe seine dichterische Vision umgesetzt bekommen: "Und es wird am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen."

Aber die Bratwurst-al-dente-Krimis beschränken sich längst nicht mehr nur auf Bücher. Auch das Fernsehen überzieht die Zuschauer mit leichenreichen Geografiestunden. Urbino-Krimi und Barcelona-Krimi, Lissabon-Krimi, Athen-Krimi und Kroatien-Krimi und Istanbul-Krimi, gespielt zumeist von deutschen Schauspielern, die sich so echt griechisch, spanisch, kroatisch und türkisch bewegen, wie Uwe Kockisch als Commissario Brunetti typisch italienisch ist - nicht zu reden von Fritz Karl als ein britischer Inspector Jury, der im nächsten Pub bestimmt eher Leberknödelsuppe verlangt als Steak and Kidney Pie. Katharina Wackernagel - eine Italienerin? Clemens Schick - ein Katalane? Jürgen Tarrach - ein Portugiese? Es funktioniert einfach nicht mit dem Hineinschlüpfen in andere Nationalitäten. Der Zuschauer spürt die Unstimmigkeiten in der Mentalität mehr instinktiv, als dass er sie konkret definieren könnte. Wobei das, zugegeben, in den besten Fällen einen gewissen trashigen Charme entfaltet.

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Dokument erstellt am 2018-09-06 16:57:03


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