• vom 06.09.2018, 16:46 Uhr

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Man mordet deutsh




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Verwirrte Sprachebenen
Ärgerlicher als Kockischs immerhin sympathische Bemühungen, sich in einen Venezianer zu verwandeln, sind die Sprach-Einsprengsel, mit denen die Krimi-Autoren lokale Identität suggerieren. Schon Edgar Allan Poe rügte seinerzeit in einer Kritik Edward Bulwer-Lytton dafür, dass er seine Franzosen im Gespräch untereinander immer wieder in französische Satzfetzen verfallen lässt. Wenn nämlich, so argumentiert Poe klug, die gesamte Sprachebene ins Englische transponiert ist, dann ist auch die direkte Rede komplett transponiert und kann nicht wie eine unvollständige Übersetzung klingen.

Agatha Christies Belgier in Britannien ist etwas ganz anderes: Hercule Poirot kann durchaus in französische Ausdrucksweisen gleiten, da egal, in welcher Sprache der Roman erscheint, eine englische Sprachebene angenommen wird. (Gnade Gott jenen, die einen Hercule-Poirot-Roman ins Französische übersetzen müssen...!) Wenn aber als Sprachebene in den diversen Italien- und Frankreich-Krimis, unabhängig davon, dass sie auf Deutsch verfasst sind, das Italienische und Französische anzunehmen ist, dann ist es sinnlos, italienische und französische Brocken einzustreuen - am Ende noch mit einer auf das Einsprengsel folgenden Übersetzung à la ",Merci beaucoup‘, sagte Jean, ,danke vielmals‘". Die Absicht des Kolorits fällt auf - und verstimmt.

Nach all diesen Lokalkrimis aus Frankreich und Italien, denen in Wahrheit Bottrop rein geografisch näher liegt als Marseille oder Rom, wartet man jetzt sehnsüchtig auf Minos Karadakis und seine Kreta-Krimis, auf Marin Marić mit seinen Split-Krimis, gar nicht erst zu reden von Matteo Matteras Sant’-Angelo-Krimis - gleich im ersten erstickt ein Mörder den Pizzabäcker des Ortes mit einer Pizza Hawaii. Einigen Fleiß vorausgesetzt, könnte all diese Krimis übrigens ein und derselbe Autor schreiben.

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Dokument erstellt am 2018-09-06 16:57:03


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