• vom 08.09.2018, 15:00 Uhr

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Literatur

Die Welt ihrem Wahn überlassen




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Von Oliver vom Hove

  • Der italienische Schriftsteller Cesare Pavese konnte sich zu keiner klaren Haltung gegenüber dem Faschismus durchringen. Sein Erzählwerk ist aber eine Wiederentdeckung wert.



Cesare Pavese (1908-1950).

Cesare Pavese (1908-1950).© Fototeca Storica Nazionale/Getty Images Cesare Pavese (1908-1950).© Fototeca Storica Nazionale/Getty Images

Das Wiedersehen mit dem Werk eines Dichters nach langer Zeit vermag vergessene Begeisterung neu zu wecken: alles Schöne lebt plötzlich wieder auf, im Nu ist die beglückende Stimmung der gelungenen Sprache wieder da. So geht es einem mit Cesare Pavese. Seinen Erzählungen und Romanen entströmt das Aroma von Ursprünglichkeit und einer erfrischenden Unmittelbarkeit.

"Damals war immer Festtag." Mit diesem Satz beginnt beispielsweise der kleine Roman "Der schöne Sommer". Und weiter heißt es: "Es genügte, das Haus zu verlassen und die Straße zu überqueren, schon wurden die Mädchen wie verrückt, und alles war so schön, besonders nachts, dass sie, wenn sie todmüde zurückkehrten, noch immer hofften, dass ein Brand ausbräche, dass zuhause ein Kind geboren würde oder dass es womöglich plötzlich Tag würde und alle Leute auf die Straße kämen und man immer weiter und weiter gehen könnte bis zu den Wiesen und hinter die Hügel."

Information

Cesare Pavese

Das Haus auf dem Hügel

Roman. 214 Seiten, 2018.

Der Mond und die Feuer
Roman. 216 Seiten, 2017.

Beide aus dem Italienischen von Maja Pflug. Edition Blau, Rotpunktverlag Zürich. Je 24,80 Euro.

So ergeht es einem mit Cesare Paveses Büchern: Man beginnt zu lesen und geht immer weiter und weiter, "bis zu den Wiesen und hinter die Hügel." Denn dort, in der ländlichen Gegend nahe Turin, spielen die meisten seiner Romane und Erzählungen.

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"Es ist schön, aufzuwachen und sich keine Illusionen zu machen", freut sich beispielweise einer der jugendlichen Protagonisten im Roman "Der Teufel auf den Hügeln". "Man fühlt sich frei und verantwortlich. Eine furchtbare Kraft ist in uns, die Freiheit. Man kann die Unschuld berühren. Man ist zum Leiden bereit."

Es sind vier junge Männer im Studentenalter, die aus dem nächtlichen Turin mit seinen Bars und Kaschemmen aufbrechen, hinauf ins piemontesische Hügelland. Sie streifen durch die Weinberge und bewaldeten Hänge und werden nicht müde, bei sommerlichen Picknick-Runden am Flussufer oder in üppigen Gärten verwickelte Gespräche über die elementaren Dinge des Lebens zu führen: über Liebe und Zivilisation, Weltläufigkeit und regionale Gebundenheit, unstete Sehnsüchte und emotionale Abhängigkeiten. Einer von ihnen, der als verlorener Sohn einsam in einer weiträumigen Villa wohnt, ist reich und abhängig von Rauschmitteln; aus seiner Schwermut und Schwarzsicht vermag keiner der Freunde ihm aufzuhelfen.

Dennoch ist es eine berückende Atmosphäre von Leichtigkeit und friedfertiger Unschuld, von der dieser Roman erfüllt ist. Indes, auch im Garten Eden gab es Vertreibung. Hier ist es der Krieg, der kommt und auch in der Gegend um Turin eine bedrückende Unruhe stiftet. In dieser Zeit wurden die Hügel nahe der Stadt vor allem zum Rückzugs- und Schutzgebiet vor den Fliegerangriffen. "Man ging bergan, und jeder sprach von der verurteilten Stadt, von der Nacht und den bevorstehenden Gräueln", heißt es im Roman "Das Haus auf dem Hügel", der diese Zeit zurückruft.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 17:36:08
Letzte Änderung am 2018-09-07 08:35:03


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