• vom 08.09.2018, 15:00 Uhr

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Die Welt ihrem Wahn überlassen




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Es ist die Epoche von Mussolinis faschistischer Diktatur, und bitter imitiert einer der Geflohenen das Durchhaltegebell des Duce: "Wir sind im Krieg, Italiener, diesen Krieg führe ich für euch! Ich schenke ihn euch, erweist euch seiner würdig. Ab jetzt darf weder getanzt noch geschlafen werden. Ihr müsst nur Krieg führen, wie ich."

Mussolini hatte nach seinem Abessinien-Abenteuer pathetisch "die heiligen Hügel Roms" beschworen. Dem setzte Pavese die bukolischen Hügel Turins mit ihren Leuchtfeuern und bäuerlichen Riten entgegen, als Fluchtort vor der nun einsetzenden Verwüstung der Stadt.

Denn jetzt, im Juni 1943, neigt sich die Macht des Duce dem Ende zu. Die Alliierten bombardieren Turin. Abends flieht der Ich-Erzähler Corrado, Lehrer am Gymnasium, auf die Hügel, wo er bei zwei Frauen Sicherheit sucht. Die eine, Elvira, umsorgt ihn, nicht zuletzt erfüllt vom heimlichen Wunsch, später von ihm geheiratet zu werden. Die andere aber, Cate, die früher seine Geliebte war, unterstützt nun mutig den Widerstand gegen die faschistische Herrschaft. Von Corrado, der möglicherweise der Vater ihres kleinen Sohnes ist, erwartet sie nichts mehr: Sie hat erkannt, dass er sich aus allem heraushält, dass die "seltsame Unberührtheit", die er selber an sich wahrnimmt, seinen Eskapismus begründet. Corrado selber sinniert, nicht ohne Selbstvorwurf: "Seit langem war ich es gewohnt, mich nicht zu rühren, die Welt ihrem Wahnsinn zu überlassen."

Er ist sich bewusst, dass er als Akademiker zu den Privilegierten gehört. "Es gab keinen Grund dafür, dass ich bis abends in der Stadt blieb. Die Menschen einer ganzen Klasse, die Glücklichen, die immer die Ersten waren, verzogen sich aufs Land, in ihre Villen in den Bergen oder am Meer, oder waren schon fort. Dort lebten sie ihr gewohntes Leben. Die Dienstboten, die Pförtner, die Armen mussten ihre herrschaftlichen Häuser für sie bewachen und, wenn Feuer ausbrach, ihre Habe retten. Das war Aufgabe der Dienstmänner, der Soldaten, der Handwerker. Nachts liefen dann auch die davon, in die Wälder, in die Wirtshäuser."

Als sich die militärische Lage verschärft und die deutsche Wehrmacht die Gegend nach Aufrührern absucht, flieht der Einzelgänger Corrado weiter, durchstreift die Hügel der Langhe im westlichen Piemont und versteckt sich schließlich unter falschem Namen in einem Kloster. Dort findet er Ruhe, bis ihn der Klosterobere vor einem herannahenden Suchtrupp warnt. Corrado zieht weiter, bis ins Dorf seiner Eltern, nicht ohne unterwegs nach einem Partisanenüberfall die Toten auf einer Straße liegen gesehen zu haben. Der Anblick der "fremden Toten" erschüttert ihn nun doch: "Sie sind es, die mich aufgeweckt haben." Er begreift: "Jeder Gefallene gleicht dem, der bleibt, und verlangt Rechenschaft von ihm."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 17:36:08
Letzte Änderung am 2018-09-07 08:35:03


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