• vom 08.09.2018, 15:00 Uhr

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Die Welt ihrem Wahn überlassen




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Diese Rechenschaft ist Paveses eigene. Der Rückzug seines Protagonisten beschreibt das Dilemma des vor 110 Jahren, am 9. September 1908, im piemontesischen Santo Stefano Belbo geborenen Autors, der sich unter der faschistischen Herrschaft, inmitten von Freunden, die sich dem Widerstand angeschlossen hatten, zu keiner eindeutigen Haltung durchringen konnte.

Quälende Schuldgefühle

Zwar war er 1935 wegen Unterstützung einer antifaschistischen Freundin für einige Monate nach Kalabrien verbannt worden, wo er ein existenzialistisches Journal begann, das, posthum unter dem Titel "Handwerk des Lebens" veröffentlicht, seinen Ruhm mindestens ebenso nachhaltig begründete wie seine Erzählwerke. Doch er hielt sich während der Kriegsjahre bedeckt und versteckte sich im Dezember 1943 wie sein Hauptheld Corrado in einem Konvent der Somasker-Mönche in Casale Monferrato, während Kollegen des Verlags Einaudi, in dem er führend tätig war, sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Der Prominenteste unter ihnen, Leone Ginzburg, verlor dabei 1944 in einem römischen Gefängnis sein Leben.

Die Selbstvorwürfe des Autors seiner politischen Indifferenz wegen begleiteten Pavese bis in die Tragödie seines frühen Todes mit 42 Jahren, den er selber herbeiführte: Am 27. August 1950 nahm er in einem Hotel in Turin eine tödliche Dosis Schlafmittel. Kurz vor seinem Tod hatte er dem Rechtswissenschafter Piero Calamandrei, der ihm spontan Bewunderung für sein Werk, vor allem für den letzten Roman ("Der Mond und die Feuer") gezollt hatte, in einem Brief bekundet: "Die heitere Betrachtung und Erinnerung, die Sie an meinen Büchern loben, habe ich um den Preis so vieler Verzichte in meinem Leben erreicht, dass ich heute davon erschöpft bin."

Mythos & Erinnerung

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In diesem letzten Roman Paveses wird abermals ein Weggehen aus der Geschichte thematisiert. Denn in "Der Mond und die Feuer" ist der Hauptheld ein Heimkehrer, der zwanzig Jahre in Amerika gelebt hat und nun, zu Ende des Krieges, wohlhabend ins Piemont zurückgekehrt ist. Es erwartet ihn, der einst als vaterloses Findelkind und rechtloser Bauernknecht aufgebrochen war, ein auch nach dem Krieg noch zwischen Partisanen und Restfaschisten zerrissenes Land. Befremdet bemerkt er, den sie in der Jugend stets Anguilla, "den Aal", genannt hatten: "Ich war zurückgekehrt, war plötzlich aufgetaucht, hatte mein Glück gemacht, doch die Gesichter, die Stimmen und die Hände, die mich hätten berühren und wiedererkennen sollen, die waren nicht mehr da. Schon lange nicht mehr. Was blieb, glich einer Piazza am Tag nach dem Jahrmarkt, einem Weinberg nach der Lese, einem einsamen Besuch in der Trattoria, nachdem dich jemand verlassen hat."

Die Landschaft empfing ihn unverändert, doch die Menschen waren gezeichnet von der Geschichte, die sie erlebt hatten. Mythos und Erinnerung verschränken sich, das furchtbare Ende einer der Kollaboration verdächtigten Partisanin markiert den Höhepunkt der geschilderten Verirrungen des Bürgerkriegs.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 17:36:08
Letzte Änderung am 2018-09-07 08:35:03


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