• vom 09.09.2018, 14:00 Uhr

Autoren


Literatur

Wohlstandssatt und skrupellos




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Jeannette Villachica

  • Der niederländische Schriftsteller Herman Koch führt in seinem Roman "Der Graben" vor, wie chronisches Misstrauen ein gutes Leben zerstört.

Wirft unbequeme Fragen auf: Herman Koch.

Wirft unbequeme Fragen auf: Herman Koch.© Annaleen Louwes Wirft unbequeme Fragen auf: Herman Koch.© Annaleen Louwes

Robert Walter ist 60 Jahre alt, Bürgermeister von Amsterdam und will nicht verraten, aus welchem südlichen Land seine schöne Frau stammt. Man habe ja so viele Vorurteile, positive wie negative, er selbst eingeschlossen. Dürfe man es dem "Volk" seiner Frau übel nehmen, dass es gewohnt sei zu lügen? Was an ihrem Verhalten sei ihrem kulturellen Hintergrund zuzuschreiben? Als er eines Morgens aufwacht, das Bett neben ihm "unbeschlafen" ist und er kurz darauf glaubt, seine Frau beim Flirten ertappt zu haben, entspinnt sich ein Eifersuchtsdrama.

Politiker wider Willen



Wieviel von dem, was in Robert Ängste und Fantasien freisetzt, sich auch außerhalb seines Kopfes abspielt, lässt der niederländische Schriftsteller Herman Koch offen. Ein reaktionärer, paranoider Erzähler als Bürgermeister einer sich weltoffen gebenden, multikulturellen Metropole wie Amsterdam, dessen Frau ohnehin in der Öffentlichkeit bekannt ist, deren Name er dennoch geheim hält, angeblich um sie zu schützen - ein vielversprechender Einstieg in Herman Kochs neuen Roman "Der Graben".

Information

Herman Koch
Der Graben
Roman. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post. Kiepenheuer & Witsch
Köln 2018, 304 Seiten, 20,60 Euro.

Der Neujahrsempfang im Rathaus ist einer der wenigen offiziellen Anlässe, zu denen ihn seine Frau begleitet. Sie tut das nur ihm zuliebe. Trotz der vielen gemeinsamen Jahre sagt seine Frau ihm gern, wie glücklich sie mit ihm sei. Die beiden unternehmen häufig Städtetrips, ihre Tochter ist wohlgeraten, finanzielle Probleme gibt es nicht - und Robert ist, zumindest nach eigener Wahrnehmung, als Bürgermeister überaus beliebt. Doch seine Karriere, politische Inhalte und selbst die Besuche von François Hollande und anderen Spitzenpolitikern interessieren ihn nicht. Politische Diskussionen führt er nur mit seinem besten Freund, wobei die Rollen zwischen ihnen so verteilt sind, dass der Physiker Bernhard philosophiert und Robert zuhört.

Fast alle Charaktere Kochs sind so wohlstandssatt und emotional erloschen, dass sie kurz davor sind, an ihrem Überdruss zu ersticken. Als ob sie es darauf angelegt hätten, dass ihr ruhiges Leben zusammenbricht, entwickeln einige haarsträubende Obsessionen. Auch Robert gehört zu dieser Spezies "aufgeklärter" Bildungsbürger, deren nach außen erfolgreiche Vertreter insgeheim skrupellos die Rechte anderer dem eigenen Wohl unterordnen.

Herman Kochs 2010 auf Deutsch erschienener, bis heute dreimal verfilmter Roman "Angerichtet" wurde zum internationalen Bestseller, sein Autor durch das Buch außerhalb der Niederlande bekannt. Leider reicht keiner der später erschienenen Romane an diese unterhaltsame, vielschichtige Gesellschaftssatire heran, die sich zum beklemmenden Familiendrama und spannenden Psychothriller entwickelt. In "Angerichtet" warf Koch unter anderem Fragen nach sozialer Verantwortung, Erziehung und Verrohung, der Vertuschung von Missständen im gutbürgerlichen Milieu auf. Die Charaktere berührten auch durch ihre Schwächen, die zwar teilweise widerwärtig, aber doch sehr menschlich waren. Als Leser fühlte man sich häufig ertappt. Hätte man in dieser oder jener Situation auch so gehandelt?

Zum aalglatten Robert Walter bleibt man hingegen immer distanziert. Im Unterschied zu seinem vermeintlichen Gegenspieler, dem auf dem politischen Parkett weniger elegant dahingleitenden Dezernenten Maarten van Hoogstraten, glaubt Robert nicht an Biofleisch und Windräder. Als gebürtiger Amsterdamer kann er über den zugezogenen van Hoogstraten nur lachen: Wie dieser "Wir Amsterdamer" sagte, würde "Assoziationen mit Heugabeln, Schweinen und Gummistiefeln im Schlamm" wecken. "Schon Leute, die einen weniger ausgeprägten Akzent hatten als er, wurden in den Nachrichten oft untertitelt." Bissig und gnadenlos ist er auch, als einer seiner Mitarbeiter Geld aus der Gemeindekasse stiehlt, entdeckt wird und droht, sich umzubringen, sollte er entlassen werden.

Sein und Schein

Noch mehr als die vermeintliche Affäre seiner Frau bringt es Robert aus dem Gleichgewicht, als sein 96-jähriger Vater eines Tages verkündet, er und Roberts Mutter würden bald freiwillig "den Löffel abgeben". Dass dabei nicht alles nach Plan läuft, sorgt für überraschende Wendungen.

Überhaupt nimmt der bis dahin nicht besonders mitreißende Roman gegen Mitte Fahrt auf. Auch weil die Themen Sterbehilfe und schwere Krankheit nicht nur Robert an die Substanz gehen. Und dann entdeckt auch noch eine Journalistin ein Foto, das ihn in einer kompromittierenden Situation zeigen soll. Wo ist Misstrauen angemessen? Was ist Lüge, was Hirngespinst, was Realität, die freigelegt wird? Ein Spiel mit Schein und Sein, dem es vor allem anfangs an Spannung fehlt.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-07 08:45:03
Letzte Änderung am 2018-09-07 08:54:37


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Worin Stephan Schulmeister irrt
  2. Fifty Shades of Crash
  3. Hungriges Geld
Meistkommentiert
  1. Peinlicher Abklatsch
  2. "Nervenzusammenbruch" im Weißen Haus
  3. Worin Stephan Schulmeister irrt

Werbung





Werbung