• vom 14.09.2018, 07:30 Uhr

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Krisenliteratur

Hungriges Geld




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Von Petra Paterno

  • Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite: Wie spiegelt sich die Wirtschaftskrise in Literatur und Drama? Löst der Börsenspekulant den Kapitalisten als Bösewicht ab? Annäherungen an ein neues literarisches Phänomen.

- © Buena Vista Picture

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Den besten Ratschlag zum schnellen Gelderwerb hält noch immer Dagobert Duck, der Fantastilliarden-Besitzer aus Entenhausen, parat: "Er hat ein Vermögen gemacht, weil er härter als ein Diamant, zäher als Kautschuk und flinker als ein Wiesel war." Der Kapitalist als Bösewicht und Geizkragen ist ein beliebtes Sujet, die Spannbreite reicht von Pop- bis Hochkultur, von Micky Maus bis mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Prosa.

Die Vorlage für Dagobert Duck war Ebenezer Scrooge, Unternehmer mit versteinertem Herzen aus Charles Dickens "Weihnachtsmärchen" (1843). Der britische Schriftsteller gilt als einer der ersten Autoren, der das literarische Potenzial von Kapitalismus und Geldanhäufung erkannte - "Dickens’sche Verhältnisse" wurden zum geflügelten Wort für bittere Armut. Freilich war zu Zeiten des Klassikers, in den Anfängen der industriellen Revolution, die Opfer-Täter-Konstellation eindeutig: hier der geldgierige Magnat, dort die ausgebeutete Arbeiterklasse, skrupellose Gewinner versus die Heerschar machtloser Verlierer.


Der vergleichsweise übersichtliche Antagonismus wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts zur Folie zahlloser Romane und Bühnenstücke, die Liste sozialkritischer Autoren ist lang - von B wie Brecht bis Z wie Zola. Die sogenannte engagierte Literatur prägte später den Kanon des 20. Jahrhunderts; sie wäre ohne den merkantilen Antagonisten nicht denkbar.

Um im 21. Jahrhundert? Nach der schwersten Krise der Finanzwelt seit Jahrzehnten sieht die Sache anders aus. Das simple Figurenschema greift nicht mehr so recht. Der moderne Turbokapitalismus ist kompliziert, die globalen Verflechtungen sind komplex, nicht mehr so überschaubar wie ehedem. Die Finanzkrisen der Jahre 2007 und 2008 produzierten diffuse-globale Ahnungen von Unwissenheit und Unsicherheit, weckte fundamentale Ängste und mündete in tiefes Misstrauen gegenüber Politik und Wirtschaft.

Krise als Schicksal
Mit der neuen gesellschaftspolitisch brisanten Gemengegelage haben sich vor allem im angloamerikanischen Raum zahlreiche Gegenwartsautoren auseinandergesetzt: In Robert Harris’ Thriller "The Fear Index" (2011) wird die Finanzwelt von einem unkontrollierbaren Algorithmus bedroht; am Finanzplatz London arbeiten sich John Lancesters "Capital" (2012) und Sebastian Faulks "A Week in December" (2009) ab.

Die Figur des Finanzdienstleisters ist nicht unternehmerisch tätig, sondern verjuxt das Geld der Kundschaft, selbst große Summen wirken wie Spielgeld: Spekulationen im großen Stil haftet Irreales an. Während der klassische Kaufmann bankrottgehen konnte, treffen den Finanzdienstleister von heute Verluste keineswegs, Fehlentscheidungen haben kaum je persönliche Konsequenzen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-13 15:42:09
Letzte Änderung am 2018-09-13 16:18:07


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