• vom 07.10.2018, 17:00 Uhr

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Freundliche Gegner




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Von Hermann Schlösser

  • Zwei Großkritiker - Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki - stritten 1995 über die Oper.



Was ist in einer Oper wichtiger, die Komposition oder der Text? Diese altehrwürdige Frage war Gegenstand eines Streitgesprächs, das am 23. Juni 1995 im Rahmen der Richard-Strauss-Tage in Garmisch stattfand. Vor laufender Fernsehkamera trafen dabei zwei Granden des Feuilletons aufeinander: Joachim Kaiser, Doyen der Musikkritik, und Marcel Reich-Ranicki, Wortführer der Literaturkritik.

Information

Joachim Kaiser / Marcel Reich-Ranicki
Prima la musica, dopo le parole

Ein Streitgespräch, moderiert von August Everding. Westend Verlag, Frankfurt 2018, 165 Seiten, 18,50 Euro.

Der Münchener Intendant August Everding, der das Gespräch moderierte, erläuterte zunächst den Hintergrund der Fragestellung: Schon im 18. Jahrhundert wurde über die Vorherrschaft der einen oder der anderen Kunst gestritten. Gluck war bereit, der Dichtung den Vortritt zu lassen, während Mozart verlangte, "bei einer Oper müsse die Poesie der Musik gehorsame Tochter sein". Richard Strauss hat die Problematik in "Cappricio", seiner letzten Oper, ironisch wieder aufgenommen. Er beschrieb Ton und Wort als "verliebte Feinde" und als "freundliche Gegner", die zwar eifersüchtig auf ihre Vorrechte pochen mögen, aber dennoch aufeinander angewiesen sind.

Auch Kaiser und Reich-Ranicki agierten als "freundliche Gegner". Interessanterweise vertrat gerade der Literaturpapst Reich-Ranicki die These, Worte seien bei einer Oper vollkommen unwichtig. Die Texte verstehe man ohnehin nicht, und wenn doch einmal, müsse man bemerken, dass sie meist unsinnig seien. Er sagte: "Machen wir uns doch nichts vor, kein einziges Bühnenwerk von Richard Wagner würde heute überhaupt erwähnenswert sein, keiner würde den Titel auch nur kennen, wenn es nicht Musikwerke wären."

Dem widersprach der Musikexeget Kaiser: "Das ist ja so, als ob du sagst, wenn man von Mozartschen Klaviersonaten nur die Noten der linken Hand hätte, dann würde die auch keiner kennen." Kaiser legte Wert auf die ganzheitliche Erfassung: Wer beim Hören nicht auf Text und Musik gleichermaßen achte, verstehe das Besondere dieser Kunstform eben nicht. Denn was wäre eine Oper anderes als ein subtil ausgearbeitetes Wechselspiel von Sprache und Musik? Aber Reich-Ranicki blieb dabei, dass er an schönen Tönen und gutem Gesang interessiert sei - und an nichts sonst. Zu einer Annäherung der beiden Standpunkte kam es nicht.

Im Westend Verlag ist dieser wortgewaltige Disput nun als Buch erschienen und bietet anregenden Lesestoff für Liebhaber der Sprache und der Klänge.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-04 16:30:31
Letzte Änderung am 2018-10-04 17:42:39


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