• vom 05.10.2018, 16:33 Uhr

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Update: 05.10.2018, 16:53 Uhr

Literaturnobelpreis

Moraliteratur




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Literatur-Nobelpreis ist auf kommendes Jahr verschoben - die Konstruktionsfehler eines Literaturpreises.

Der Literaturnobelpreis ist einer der fünf von Alfred Nobel gestifteten Preise. - © APAweb, afp, Jonathan Nackstrand

Der Literaturnobelpreis ist einer der fünf von Alfred Nobel gestifteten Preise. © APAweb, afp, Jonathan Nackstrand

Wien/Stockholm. Normale Umstände vorausgesetzt, würde gerade diskutiert, was für und was gegen den neuen Literaturnobelpreisträger spricht, oder würden, normale Umstände vorausgesetzt, die Feuilletons immer noch überkochen mit Spekulationen, wer denn demnächst den weltweit renommiertesten Literaturpreis erhalten könnte. Normale Umstände vorausgesetzt, wüssten jetzt alle, die bei den Wetten mitgemacht haben, ob sie richtig gelegen hatten, als sie auf eine Frau setzten oder auf einen Mann. Oder sie würden, normale Umstände vorausgesetzt, der Entscheidung entgegenfiebern, weil sie ihren Einsatz von Kontinenten abhängig gemacht und auf einen Europäer, einen Asiaten, einen Amerikaner (Nord- oder Süd-) oder vielleicht einen Afrikaner gewettet haben - oder wann hatten wir eigentlich einen australischen Literaturnobelpreisträger? Patrick White, 1973 - dann wäre es ja noch an der Zeit, würde es heißen, normale Umstände vorausgesetzt.

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Doch die Umstände sind nicht normal. Statt über den Preisträger zu diskutieren, nimmt der literarisch Interessierte zur Kenntnis, dass die Schwedische Akademie am Freitag den Juristen Eric M. Runesson und die Schriftstellerin Jila Mossaed am 20. Dezember zu neuen Mitgliedern ernennen wird.


Die Schwedische Akademie war durch den größten Skandal ihrer Geschichte gelähmt: Dem Mitglied Katarina Frostenson und ihrem Mann Jean-Claude Arnault wurde die Verwicklung in eine Affäre um sexuelle Belästigung, Indiskretionen und finanzielle Vorteilsnahme vorgeworfen. In der Folge stellten so viele Akademiemitglieder ihre Funktion ruhend, dass kein Beschluss mehr möglich war. Die Statuten sahen vor, dass eine Änderung der Zusammensetzung des Gremiums nur im Todesfall eines Mitglieds möglich sei. Erst die Statutenänderung durch König Carl Gustav brachte die Entfesselung - allerdings zu spät für eine Literaturnobelpreisentscheidung im laufenden Jahr. Derzeit heißt es, die Literaturnobelpreise für 2018 und 2019 würden beide 2019 verliehen.

Die Pause, unabhängig von der ungustiösen Ursache, ist indessen das Beste, was dem Literaturnobelpreis passieren kann. Die Gremien könnten sie nützen, um eine grundsätzliche Frage zu erörtern: Was taugt der Literaturnobelpreis in seiner derzeitigen Form?

Der Literaturnobelpreis ist einer der fünf von Alfred Nobel gestifteten Preise. Doch schon in seinen Statuten ist ein Konstruktionsfehler festgeschrieben: Ausgezeichnet soll werden, wer "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat". Beide Säulen dieses Preises sind damit Geschmacksurteile. Denn weder lassen sich künstlerische Leistungen verabsolutieren, noch ist die "idealistische Richtung" konkret festzumachen. Während beispielsweise der deutsche Buchpreis sich mit der herausragenden literarischen Leistung eines Jahres bescheidet, verbindet der Literaturnobelpreis literarische Qualität mit einer nicht näher ausgeführten Moral.

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Dokument erstellt am 2018-10-05 16:42:40
Letzte Änderung am 2018-10-05 16:53:50


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