• vom 11.10.2018, 11:00 Uhr

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Update: 12.10.2018, 14:37 Uhr

Lektionen

Auf in die digitale Diktatur




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Von Christian Ortner

  • Machen Biotechnologie plus künstliche Intelligenz die Demokratie obsolet?

Der Mensch denkt, der Algorithmus lenkt.

Der Mensch denkt, der Algorithmus lenkt.© adobestock Der Mensch denkt, der Algorithmus lenkt.© adobestock

Wenn Sie, geschätzte Leserin, verehrter Leser, glauben, diesen Text hier aus freiem Willen zu lesen und Sie sich jederzeit dafür entscheiden könnten, die Lektüre zu beenden und stattdessen spazieren zu gehen, dann irren Sie sich ganz gewaltig.

Das behauptet jedenfalls der israelische Bestseller-Autor Yuval Noah Harari in seinem jüngsten Buch "21. Lektionen für das 21. Jahrhundert". Eine der zentralen Theorien des Historikers: Die Vorstellung, der Mensch verfüge über einen freien Willen, der es ihm ermögliche, über sein Verhalten autonom zu entscheiden, sei weitgehend Illusion. Vielmehr seien unsere Entscheidungen Summe zahlloser Faktoren biochemischer Natur in unserem Gehirn, verbunden mit sozialer Prägung, individuellen Erfahrungen und äußeren Reizen.

Information

Sachbuch
21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
Yuval Noah Harari
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C. H. Beck
459 Seiten, 24,95 Euro

Das heißt aber auch: Sie werden früher oder später dank der enormen technologischen Fortschritte von außen, sei es vom Staat, sei es von Google & Friends, vorhersehbar und kalkulierbar sein. Was wir wollen und wünschen, werde schon bald von staatlichen wie privatwirtschaftlichen Algorithmen besser verstanden als von uns selbst, was unter anderem die heutige liberale Demokratie obsolet machen könne.

"Die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form kann die Verschmelzung von Biotechnologie und Informationstechnologie nicht überleben", prophezeit der Autor. "Sie wird sich entweder radikal neu erfinden müssen oder die Menschen werden künftig in digitalen Diktaturen leben müssen." Wenn Big Brother besser als wir selbst weiß, was wir wollen und wünschen, werden Wahlen ja irgendwie wirklich obsolet - und die meisten Menschen könnten sich durchaus wohlfühlen in dieser "Brave New World". Für Harari ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis Menschen auch in so existenziellen Fragen wie der Partnerwahl oder der Berufswahl einem Algorithmus vertrauen, weil das zu besseren Entscheidungen führt als der vermeintlich freie Wille. Das menschliche Leben wäre dann endlich "kein Drama der Entscheidungsfindung mehr", was man je nach Geschmack als paradiesisch oder höllisch empfinden wird. Es sind faszinierende Visionen, die Harari da in einem überbreiten Panorama vor dem Leser entfaltet, die meisten nicht wirklich sehr erfreulich anzusehen, von einem drohenden Atomkrieg privater Akteure wie etwa Terroristen bis hin zum Klimawandel, den er im 21. Jahrhundert für so epochenprägend hält wie die beiden Weltkriege für das 20. Jahrhundert. Und den er trotzdem auch als Chance beschreibt: So wie die Weltkriege zu einem ganz enormen technologischen Innovationsschub geführt haben, der in Friedenszeiten so nicht möglich gewesen wäre, führe nun der Klimawandel zur Notwendigkeit einer kolossalen intellektuellen Kraftanstrengung.

Auf Datenstrom-Entzug

Ungewöhnliche, aber kluge und oft witzige Analysen machten schon sein erstes Buch "Eine kurze Geschichte der Welt" zu einem internationalen Bestseller. Zu Recht: Das Werk kommt stellenweise durchaus an Egon Friedells geniale "Kulturgeschichte der Neuzeit" heran, Harari ist seitdem gern gesehener Gast im Berliner Kanzleramt oder dem Wohnsitz der Clintons und Star-Redner bei Groß-Konferenzen zur Weltverbesserung.

Am Ende dieses ziemlich atemberaubenden Tour d’Horizon in 21 Kapiteln beschreibt Harari, gleichsam als Bonustrack, seine persönliche Methode, sich der völligen Eingliederung in Datenströme, Algorithmen und artifizielle Intelligenzen zumindest partiell zu entziehen. Ein spiritueller Lehrer, berichtet er im 21. und letzten Kapitel ("Meditation"), habe ihm beigebracht, nicht nur zwei Stunden am Tag nach der buddhistischen Vipassana-Lehre zu meditieren, sonder sich auch ein bis zwei Monate im Jahr einer "Rede- und Sendediät" zu unterziehen - kein öffentliches Reden, kein Handy, nicht mal Lesen ist dann erlaubt. Von der Religion hingegen erwartet er keinen Trost: "Wenn tausend Menschen einen Monat lang an eine erfundene Geschichte glauben, dann ist das Fake News. Wenn eine Milliarde Menschen daran tausend Jahre glauben, dann ist es Religion."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-10 16:03:38
Letzte Änderung am 2018-10-12 14:37:09


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